Mousonturm

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Milo Raus „Die Wiederholung“ macht Station in Frankfurt.

Ist es sinnvoll, den geschändeten Körper eines Opfers anzusehen? Soll ich hinschauen, auch wenn mich der Anblick zerreißt? Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat sich für das Hinschauen entschieden. In seinen Inszenierungen leuchtet er die dunkelsten Seiten des Menschseins aus. Blutige Dramen sind zwar im Theater nicht neu, ungewöhnlich ist jedoch die dokumentarische Präsenz, mit der Milo Rau Grauen der Jetztzeit auf die Bühne bringt.

Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt war sein neuestes Projekt „Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)“ zu sehen. Das Stück rekonstruiert die Ermordung des homosexuellen Mannes Ihsane Jarfi in der belgischen Industriestadt Liège im April 2012. Das reale Ereignis stellen Milo Rau und das Ensemble (Tom Adjibi, Suzy Cocco, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault, Fabian Leenders, Johan Leysen) nicht einfach nach, sie machen vielmehr von der ersten Minute an den Prozess transparent, der bei der Analyse und szenischen Wiederholung des Geschehens stattfindet. Es geht also nicht primär um Betroffenheit, sondern um ein Eindringen in die Gesamtumstände. Fake-News wären hier schnell enttarnt. Das klingt zwar arg theoriebeladen, die emotionale Wucht des Unglücks kommt dennoch tief beim Zuschauer an.

Zu Beginn erklärt Johan Leysen in einem Prolog, was dieses dokumentarische Theater von Shakespeare-Dramen unterscheidet: Es spielt nicht die Toten, sondern holt sie aus ihren Gräbern. Fiktiv sitzen sie als Zuhörer mit am Tisch. Sie können zwar nicht mitreden, aber – so die Vision eines der Totenschändung Angeklagten – sie können uns hören.

Anschließend beginnt ein – rekonstruiertes – Casting zum Stück. Auf der rechten Seite sitzen die Interviewer, links Bürger von Liège, die sich um Schauspielerrollen bewerben. Der Reihe nach tritt nun einer der Bewerber in die Mitte und zeigt sein Können. Eine Kamera filmt live, die gleichzeitig auf einer Leinwand gezeigten Bilder sind jedoch nur fast gleich. Ein Spaziergänger, läuft im Film beispielsweise mit einem Hund einen Weg entlang, die Person auf der Bühne hat jedoch keinen Hund bei sich.

20 Sekunden haben sie Zeit

Solche diskreten Irritationen durchziehen die Inszenierung. Der Zuschauer soll sich nicht wie in einen Krimi hineinziehen lassen, sondern für die Falltüren der Täuschung wachsam bleiben. Vor allem aber gilt es, eigenes Handeln nicht aus der Hand zu geben. Erinnert wird an ein Stück von Wajdi Mouawad, in dem ein Schauspieler auf einen Stuhl steigt und sich eine Seilschlinge um den Hals legt. Die Szene sei real, erzählt Tom, 20 Sekunden habe das ahnungslose Publikum Zeit, den Schauspieler zu retten, nachdem er den Stuhl weggestoßen hat.

Schmerz und Grauen sind Teil der Realität, auch im Theater. Das gilt selbst dann, wenn man weiß (und es beim Casting noch einmal gezeigt bekam), dass Ohrfeigen und heftige Fußtritte nicht wirklich mit Wucht erfolgen. So ist es kaum auszuhalten, wenn man zusieht, wie Tom Adjibi zu Tode geschlagen wird. Die Realität rückt in diesem Stück nah an den Zuschauer heran und man spürt, Hinschauen allein ist nicht genug.

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