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Bei der "Wiederentdeckung der Granteloper" im Frankfurter Mousonturm.

Theater

Den Vorurteilen eine Stimme geben

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„Die Wiederentdeckung der Granteloper“ durch die Gruppe Fux beunruhigt auch in Frankfurts Mousonturm

Der Grantler ist eine geläufige Figur, auch durch die Darstellung des 1986 verstorbenen Wiener Schauspielers und Kabarettisten Helmut Qualtinger. Im Granteln äußert sich gleichsam der träge-aggressive Protest des bräsigen Kleinbürgers. Wo gegrantelt wird, da wird es ungemütlich. Es geht grundsätzlich gegen alles, was fremd, was andersartig ist.

„Die Wiederentdeckung der Granteloper“ nennt die aus dem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen hervorgegangene Gruppe Fux ihr neues Stück, das nach der Premiere zu Jahresbeginn im Berliner HAU nun am Frankfurter Mousonturm zu sehen war. Granteloper? Nie gehört. Grantler hat es allerdings viele gegeben in Theaterstücken von Nestroy über Raimund bis Molière. Eine Granteloper indes, so referieren es auch Fux, gab es nie. Wohl aber Ansätze zum – unverwirklichten – Projekt einer von der höfischen Herrschaftskultur unabhängigen „ambitionierten Oper des Volkes“ auf den Pariser Jahrmärkten des 18. Jahrhunderts.

Es ist eine agile junge Dreiergruppe, der es gelingt, eine Ausstrahlung von Unmittelbarkeit und Frische auf die Bühne zu bringen. Zwar sprechen sie sich mit den Vornamen des Fux-Trios Nele Stuhler, Stephan Dorn und Falk Rößler an, in Wirklichkeit aber handelt es sich um die Schauspieler Hannah Müller, Léonard Bertholet und Tino Kühn, die in dieser kabarettistisch anmutenden Revue referieren, singen und tanzen.

Musikalisch wird mit einer parodistischen Überschreibung von Mitteln der Barockmusik gearbeitet. Es spielt ein dreiköpfiges Ensemble an Synthesizer, einem oboenähnlichen elektrifizierten Blasinstrument und Schlagwerk. In einer schier endlosen musikalisierten Folge wird durchdekliniert, worüber sich die Menschen so alles beschweren: über Schulmedizin und Homöopathie, Äpfel mit Druckstellen und unreife Bananen, zu wenig Nudeln in der Tütensuppe... Die Beschwerde könnte ein politischer Akt sein, sie erschöpft sich jedoch meist in einer plumpen Schimpferei.

Handwerklich durch und durch souverän antivirtuos ist der verzierungsreiche, das Banale überhöhende rezitativische Sprechgesang, furios wird die barocke Dramaturgie einer allmählichen Steigerung in der Wiederholung mit kanonartiger chorischer Verdichtung gehandhabt. Worte kreisen auf der Bühne umher, baumarkthölzerne Lautsprecherpfosten symbolisieren eine Gruppe, eine Gemeinschaft – die eigentlich stark sein könnte, jedoch bald wieder in Einzelteile zerfällt.

Die Bundeskanzlerin oder Rewe – egal bei wem man sich beschwert über die empörende soziale Ungleichheit oder die umweltwidrige Plastikverpackung am Biogemüse, man wird bloß mit vorgestanzten rhetorischen Floskeln abgefertigt. Der Beschwerdeführer ist dergestalt eben nicht zu beschwichtigen. Immerhin geht es in diesen Fällen um dringend abstellenswürdige Missstände.

Am Anfang gibt es einen augenzwinkernden Seitenhieb gegen das Diskursgeklingel auf dem Theater. Natürlich geht es auch hier um Diskurs, in seiner locker-leichten Art ist das gut anderthalbstündige Stück doppelbödig. Von ein paar unnützen Albereien am Rand abgesehen ist das ausgesprochen gewitzt und gleichzeitig formal punktgenau gearbeitet – und es hat einen einnehmenden Charme.

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