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Volksbühne mit Wolfgang Deichsels „Bleiwe losse“: Allzumenschliches, auch Absonderliches

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Von: Andrea Pollmeier

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„Bleiwe losse. Hessische Katastrophen“. Foto: Andreas Malkmus
„Bleiwe losse. Hessische Katastrophen“. Foto: Andreas Malkmus © Andreas Malkmus

Volksbühne im Großen Hirschgraben startet mit „Bleiwe losse“ von Mundartdichter Wolfgang Deichsel in die Saison

Alltäglich und doch aus der Zeit gefallen erscheinen die sechs Episoden, die Regisseurin Sarah Groß auf der Volksbühne Frankfurt unter dem Titel „Bleiwe losse“ inszeniert hat. Ein grünes, übergroßes Telefon führt beispielsweise zurück in die Phase, in der Telefonate nach Übersee noch hohe Kosten verursachten und nicht jeder zuhause einen eigenen Anschluss besaß. Nah am Menschen hat Mundartdichter Wolfgang Deichsel die Aufregung beschrieben, die Frau Körner erfasst, während sie im Wohnzimmer von Nachbar Sudermann auf den Anruf ihrer Schwester aus Minnesota wartet.

Sechs solch zeitvergessene Szenen sind zum Saisonauftakt auf der Bühne am Hirschgraben zu sehen. In bisweilen arg derbem Ton erzählen sie lebensnah von „Hessischen Katastrophen“ – so der Untertitel. Alexander J. Beck, Ulrike Kinbach, Michael Quast und Susanne Schäfer wechseln hierzu in kürzester Zeit in 17 verschiedene Rollen. Die Verwandlungen finden nach jeder Szene hinter einer milchig durchscheinenden Trennwand statt (Bühne: Ilse Träbing). Als Zuschauer verfolgt man wie in einem Schattenspiel ihre dynamischen Bewegungen – manchmal begleitet von Rock-n-Roll-Rhythmen – und sieht zu, wie sich die schwerfällig mit eingewickelten Beinen bewegende Frau Kress aus der ersten Szene (Titel: „Was is?“) im nächsten Moment in eine mobile Frau Bach verwandelt, die nach Feierabend unaufhaltsam ihren Mann mit Fragen bombardiert (Szenentitel: „Was hoste nur heut?“). Die Maske, von Katja Reich und Katharina Dechow verantwortet, wird so neben den Kostümen (Ilse Träbing, Salima Abardouch) zu einem ungewöhnlich prägenden Instrument der Inszenierung.

Unerschrockene Direktheit

Das Allzumenschliche hat der hessische Autor Wolfgang Deichel in seinen lokal inspirierten Texten stets zum Thema gemacht. Es wird besonders dann auffällig, wenn das Alter individuelle Sonderlichkeiten ohne Scham ungefiltert hervortreten lässt. Grenzen des Peinlichen sind immer wieder spürbar. Amüsant wird es in den hier inszenierten Episoden vor allem dann, wenn urtümliche Gegenstände (Requisite: Andreas Abendroth) mit ins Spiel kommen. In „Komm eraus, Kerle!“ steht eine aus alten Plattenspielerutensilien selbstgebaute Posaune im Fokus. Das monströse Instrument soll zu neuem Leben erweckt werden und bringt den greisen Herrn Schumann und seine Pflegerin an physische und nervliche Grenzen. Solch Starrsinn, mangelndes Verstehen einer sich wandelnden Welt und unerschrockene Direktheit fallen in den Szenen, die in einer auch für Nicht-Hessen verständlichen Mundart vorgetragen werden, immer wieder auf und geben ihnen eine humorvoll-ironische Grundierung.

Vor elf Jahren ist Wolfgang Deichsel wenige Tage nach der Entscheidung, die Volksbühne zu bauen, gestorben. Er sollte zum Hausdichter des lang geplanten Traditionstheaters werden. Mit der Premiere zum Saisonstart bekräftigen Michael Quast und sein Team diese stete Verbundenheit.

Volksbühne im Großen Hirschgraben : 1., 9. Oktober, 5., 19. November. www.volksbuehne.net

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