Multitasking mit Michael Quast.
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Multitasking mit Michael Quast.

„Die Geschichte vom Soldaten“

Tanz des Flakons mit dem Apfelweinglas

  • vonBernhard Uske
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Reduktionismus zweiter Ordnung: „Die Geschichte vom Soldaten“ in Frankfurt.

Das Jahr 1918: das Elend des Krieges und die Einschränkungen für Kunst und Künstler, die „keine Absatzmöglichkeiten mehr finden“, wie Charles Ferdinand Ramuz, der Librettist der „Geschichte vom Soldaten“ damals formulierte. Die Lösung: ein Stück, das „keinen großen Saal, kein großes Publikum braucht, ein Stück, dessen Musik nur wenige Instrumente erfordern würde und das nur zwei oder drei Personen hätte“. Von Gaukler- und Jahrmarktstheater, von der Wanderbühne als Lösung ist die Rede: Einfachheit, Reduktion, schnelle, direkte Kommunikation. Und Stoffe gebräuchlichster, populärer Art.

Strawinsky, der Komponist des Werks, teilt diese Ansicht, gräbt selbst seit langem in den Stollen der kollektiven Märchen- und Sagenstoffe und nutzt die bodenhaftende Musiksprache, wie es sein damaliges Alter Ego Sergej Diaghilew in Sachen Ballett-Ästhetik ebenfalls tut.

Das Jahr 2020: die „Geschichte vom Soldaten“ wie für die Gegenwart geschaffen. Die Wiedergeburt des mittlerweile 102-jährigen Stücks, das, aus der Einschränkung geboren, einst das Ende der alten ästhetischen Selbstverständlichkeiten und Üppigkeiten bedeutete. Am passendsten Ort: der Frankfurter Volksbühne, wo die Stoffe von Gauklertheater und Fliegender Bühne lebendig geblieben sind.

Der Quast’sche Flohzirkus

Sechs Musiker und eine Musikerin auf der Bühne, ein Tisch, an dem der Vorleser dieser russischen Urgeschichte vom Teufelspakt um die Geige (Seele) des Soldaten sitzt, ein paar Requisiten und Raum-Dekorationen sowie die beiden Handlungsfiguren auf karger Bühne.

An seiner neuen Spielstätte im Großen Hirschgraben hat Michael Quast, gemeinsam mit Regisseur Matthias Faltz, den Reduktionismus des Stücks, das nach seiner Uraufführung in Lausanne im September 1918 wegen der ausbrechenden Spanischen Grippe erst 1921 seine deutsche Erstaufführung erlebte, nochmals einer Reduktion unterzogen. Der Frankfurter Stimmen-Imitator liefert neben seiner Funktion als Vorleser nämlich auch den vokalen Habitus der beiden unsichtbar bleibenden Antagonisten und betreibt zugleich daneben noch eine Art Kulissen-und-Utensilien-Flohzirkus.

Nicht von einer großen Lupe, wohl aber von einer Kamera werden Ansichtskarten, Handspiegel, Korkenzieher, eine Corona-Maske und weitere Alltagsgegenstände, die Quast temporär gruppiert und verschiebt, so übertragen, dass daraus, projiziert auf die rückwärtige Wand des Podiums, ganze Bühnensituationen werden. Der Tanz des Soldaten mit der Prinzessin beispielsweise ist ein variiertes Arrangement des Apfelweinglases des Vorlesers mit einem Parfumflakon vor einem Frisierhandspiegel. Genial einfache, wenngleich mit Geschick und Fingerspitzengefühl zu konfigurierende Arte Povera-Szenerien.

Die Unruhe mancher Autofokus-Aktivität der ebenfalls vom Vorleser bedienten Kamera nahm man fast als stimmiges Moment einer pulsierenden Räumlichkeit hin; sie wird sich mit größer werdender Fingerfertigkeit des Multitask-Quast regulieren.

Die Mitglieder des Ensemble Modern rahmen den dergestalt unbenutzten Bühnenraum. Den vom Komponisten vorgesehenen Dirigenten hat man sich gespart. Eine konsequente Haltung des hier obwaltenden Reduktionismus zweiter Ordnung, die aber, was Abstimmung der Timbres, Differenziertheit des poly-rhythmischen Geschiebes in den archetypischen Formen von Marsch, Choral, Hymnus, Tanzformen und Volkslied sowie idiomatische Charakterisierung anbetrifft, nicht die beste war. Immerhin stellte sich der unfeine Duktus, den das gut einstündige Werk natürlich an vielen Stellen hat, auf um so markantere Weise ein.

Volksbühne im Großen Hirschgraben, Frankfurt: 14., 15. November. volksbuehne.net

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