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Volksbühne Frankfurt: Terror und Rosen

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Von: Marcus Hladek

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„Licht aus, Messer raus!“ mit der Volksbühne Frankfurt: Ingrid El Sigai, Ulrike Kinbach und Michael Quast (v.l.). Man beachte den Bembel! Foto: Andreas Malkmus
„Licht aus, Messer raus!“ mit der Volksbühne Frankfurt: Ingrid El Sigai, Ulrike Kinbach und Michael Quast (v.l.). Man beachte den Bembel! © Andreas Malkmus

„Licht aus, Messer raus!“, ein Liederabend in der Volksbühne in Frankfurt.

Rund zwei Dutzend Lieder und Gedichte, Kurzprosa, Sketche und historischen Kontext vom Ersten Weltkrieg bis Hitlers Machtergreifung umfasst die Revue „Licht aus, Messer raus!“ im Foyer der Volksbühne in Frankfurt. Es spielen und singen Michael Quast (auch Regie), Ingrid El Sigai, Ulrike Kinbach sowie Markus Neumeyer am Piano. Lichterketten à la Varieté nebst Radiomikrophon auf dem Podium mit Tisch und Stühlen stehen vor einem rostroten Vorhang, der für die alte Kleinkunst ebenso steht wie für das getrocknete Blut dieser Geschichte.

Alles wejen dir

Quast, mit Schnauzer, trägt Nadelstreifen mit Schiebermütze und Gamaschen, El Sigai: Damenkleid in Creme mit Perlen, nach der Pause: ein Tanzkleid der Goldenen Zwanziger mit Pfauenfeder und Zigarettenspitze. Kinbach tritt neben Quast im Frack und Zylinder oder Herrenanzug auf (Kostüme: Salima Abardouch), markiert sonst eher das Arbeitermädchen und eifert in „Wejen dir hab ick meine jute Stellung bei Tietz aufjejeben“ der Gassenhauer-Spezialistin Claire Waldoff nach.

Das Programm spannt sich vom martialischen Aufmarsch des Trios mit dem Titellied „Licht aus, Messer raus!“, das 1918 den Absturz des Kaiserreichs und die Revolution skandierte, bis zur Verbitterung Kurt Tucholskys. Zwei Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, als Hitler und sein Straßenterror schon die Republik ruinierten, kommentierte er in „Rosen auf den Weg gestreut“ desillusioniert: „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!“ Die Nachsicht der Justiz und Polizei mit ihnen war ihm zuwider.

Tucholsky stellt den Großteil des Programms. Notierte sein Gedicht „Dämmerung“ das gespenstische Rumoren in der Tiefe, so lernt sein „Lied vom Kompromiss“ den neuen Status langsam schätzen und gab er sich in „Ideal und Wirklichkeit“ halbwegs zufrieden („Man möchte immer eine große Lange und bekommt nur eine kleine Dicke“). Sein „deutsches Volkslied“ mokiert sich nur noch über reaktionäre Akademiker, „Chanson einer Frankfurterin“ kultiviert das Lokale fern von Berlin: „Berlin ist Nickel, Wiesbaden ist Silber, aber Frankfurt ist Gold.“ Hatten wir den Bembel auf dem Tisch schon erwähnt? Zum Lobe Frankfurts erklingen auch Joachim Ringelnatz’ Bar-Hymne „Martiniade“ und „Frankfurt am Main“.

Virulent wird der Untertitel über die „schrecklich aktuellen 1920er Jahre“ nach der Pause. Da hat sich Weimar etabliert, und El Sigai frönt komisch-lebenslustig dem kolonialen Exotismus („Hawa-i“). Dann wird es ernster. Für aktuell halten die Macher ja das vergiftete Klima Weimars und den Tanz auf dem Vulkan, derweil alle Welt ins Totalitäre taumelte. Wer dächte bei Hitlers Teilnahme am Kapp-Putsch und seiner kavaliersmäßigen Bestrafung nicht an Donald Trumps Putschversuch vom 6. Januar und seine seitherige Straflosigkeit? Wen erinnerte die Herrschaft der Lüge und Amoral in Hollaenders „Lügen-Chanson“ und Kästners „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen“ nicht an Putin und Trump, die von den Sowjets und Hitler und durch diese von den nihilistischen Wurzeln gelernt haben? Hübsche Revue, gesanglich wie darstellerisch überzeugend dargebracht.

Volksbühne , Frankfurt: 2. April, 1., 20. Mai, 3., 12. Juni. www.volksbuehne.net

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