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„Das Theater ist gut aufgestellt“, sagt Klaus Dörr über die Volksbühne.

Berliner Volksbühne

„Das wäre alles rückgängig zu machen“

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Nach dem Scheitern von Chris Dercon als Castorf-Nachfolger an der Berliner Volksbühne veröffentlicht Interimschef Klaus Dörr Spielzeitpläne und Personalentscheidungen. Will er sich damit als Dauerlösung ins Spiel bringen?

Klaus Dörr, Jahrgang 1961, hat vor einem Jahr die Intendanz der Berliner Volksbühne interimistisch übernommen, nachdem Chris Dercon als Castorf-Nachfolger gescheitert war. Im vergangenen Februar verlängerte der Kultursenator Klaus Lederer (Linke) Dörrs Vertrag um ein Jahr bis zum Sommer 2021. Das wären dann mehr als drei Dörr-Jahre, ganz schön lang für eine Zwischenlösung.

Die Konsolidierung des Betriebs gelang Dörr verblüffenderweise schon in der ersten Spielzeit. Die Zuschauer sind wieder da, die Zahlen stimmen, es gibt am Haus wieder eine Dramaturgie und ein Ensemble.

Die künstlerische Krise der Volksbühne, ist sie damit ebenfalls überwunden? Oder bleibt das Dörrs Nachfolger überlassen, den Lederer noch vor Ende dieser Saison ankündigen will? Der Senator schweigt eisern, weshalb die Spekulationen ins Kraut schießen: Kann man aus Dörrs Plänen etwas über die Zukunft des Hauses herauslesen? Bewirbt sich der Retter vielleicht als Dauerlösung?

Herr Dörr, Sie haben ein Ensemble engagiert. Dazu kommen mit Nicole Lohrisch eine neue geschäftsführende Direktorin und eine Schauspieldirektion mit Thorleifur Örn Arnarsson und Lucia Bihler als Hausregisseurin. Setzen Sie damit Strukturen, die Ihre Amtszeit überdauern?

Nein, das sind alles Entscheidungen, die zum Sommer 2021 rückgängig zu machen wären. Das läuft auf Grundlage des NV-Bühne. Diese Normalverträge lassen sich „aus künstlerischen Gründen“, also etwa bei einem Intendanzwechsel, problemlos beenden. Es gibt 30 Stellen im Bereich NV-Bühne, 20 fürs Ensemble und zehn für Dramaturgie, Programm, Assistenz und Referenten. Man könnte das auch anders gestalten und zum Beispiel ein Tanzensemble engagieren. Auch die Verträge mit Thorleifur Örn Arnarsson und Lucia Bihler sind bis Sommer 2021 befristet. Es ist üblich, dass keine Verträge abgeschlossen werden über die Laufzeit einer Intendanz hinweg. Grundsätzliche Entscheidungen, die darüber hinaus gelten würden, was etwa die Abteilungsleiter der Gewerke angeht, müssten mit der Aufsichtsbehörde, also mit der Senatsverwaltung, abgestimmt werden.

Es gibt jetzt zwar einen neuen Schauspieldirektor, aber der untersteht Ihnen als Intendant. Haben Sie durch die Änderungen in der Leitungsebene Macht abgegeben oder gewonnen?
Weder noch. Die Volksbühne ist wie das Deutsche Theater oder das Gorki, ein landeseigener Betrieb. Wie die meisten deutschsprachigen Theater wird sie von einer Doppelspitze aus künstlerischer und kaufmännischer Leitung geführt. Im Fall der Volksbühne von Frau Lohrisch und mir. Es gilt das Vieraugenprinzip, und beide sind gemeinsam zeichnungsberechtigt, sodass keiner ohne den anderen handeln kann.

Ist das die viel kritisierte feudalistische Machtstruktur?
Daran ist erstmal nichts feudalistisch. Ich wüsste nicht, wie es anders gehen könnte, weil es in der Außenvertretung klare Verantwortlichkeiten geben muss, was etwa Personal und Etatfragen angeht – wir reden von einem Jahresetat von immerhin 20 Millionen Euro. Wie sich ein Theater intern verfasst, was es für Kommunikationsstrukturen gibt, ist eine andere Frage. Also auch, wenn wir intern eine Schauspieldirektion eingesetzt haben, bleibt die Letztentscheidung bei der Doppelspitze, die auch die Letztverantwortung trägt.

Wozu braucht man denn dann einen Schauspieldirektor?
Der hat ein klar umrissenes Feld, er arbeitet konzeptionell am Spielplan mit, macht selbst drei Inszenierungen und ist gemeinsam mit der Hausregisseurin für die Hege und Pflege des Ensembles zuständig.

Hat er Einfluss auf die Entscheidungen, wer engagiert wird?
Selbstverständlich, aber da haben auch andere Regisseurinnen und Regisseure Vorschläge gemacht. In dem Moment, in dem wir zwei, drei oder vier Positionen für einen Schauspieler oder eine Schauspielerin in der Spielzeit gefunden hatten, eröffnete sich die Möglichkeit, ihn oder sie fest zu engagieren. Es muss ja auch für die auf der Bühne Sinn haben, die wollen gut beschäftigt sein.

Sind das Exklusivverträge?
Nein, es gibt kein Dogma.

Sind sich die Schauspieler des Risikos bewusst, das mit dem Engagement an der Volksbühne einhergeht?
Die meisten hätten sogar Einjahresverträge unterschrieben. Nach meiner eigenen Verlängerung konnten wir die gleich bis Sommer 2021 erweitern. Ein Engagement an der Berliner Volksbühne ist ein Engagement an der Berliner Volksbühne.

Gut für die Vita.
Das ist Nebensache. Es muss schon ein Grundinteresse an der Zusammenarbeit geben und eine Verbindung zur Regie, die einen besetzt.

Ärgert es Sie oder das Ensemble, dass sich die Medien auf Jella Haase, die durch Film und Fernsehen etwas bekanntere Schauspielerin, stürzen?
Jetzt muss ich sagen, dass das Ensemble der Star ist. Aber ich habe nichts dagegen, dass Schauspielerinnen populär sind. Das ist natürlich nicht das einzige Kriterium, wir waren wirklich begeistert über das, was Jella beim Vorsprechen gezeigt hat.

Haben Sie eben bei „Schauspielerinnen“ den Genderstern mitgesprochen?
Ich versuche, daran zu denken.

Kränkt es Sie, wenn man sagt, dass Sie hier einen Missstand verwalten?
Das kränkt mich nicht, weil es einfach falsch ist. Das Theater ist gut aufgestellt. Es gibt eine Grundfinanzierung von über 80 Prozent durch das Land Berlin. Von Mangelverwaltung kann keine Rede sein, auch wenn unsere Gagen nicht die Dimensionen von vor zwei, drei Jahren haben. Wir schieben noch immer ein kleines Defizit vor uns her, und auf der Einnahmenseite können wir auch nicht mit den letzten Castorf-Jahren mithalten, als viel durch Gastspiele aus dem Repertoire hereinkam. Das bauen wir gerade erst auf.

Wollen Sie mehr sein als eine Zwischenlösung?
Ich finde, bis Sommer ’21 haben wir viel Gestaltungsmöglichkeit. Wir sind dann über drei Spielzeiten am Haus, das ist eine lange Zeit am Theater. Da kann man auch schon richtig was planen. Das war, als ich anfing und sofort loslegen musste, sehr schwierig. Jetzt haben wir die im Betrieb üblichen Vorbereitungszeiten.

Und die Belegschaft zieht mit? Sie hat den Ruf, nicht nur hoch qualifiziert zu sein, sondern auch leicht renitent.
Das kann ich nicht bestätigen. Die haben in kurzer Zeit zwei Mentalitätswechsel durchgemacht, verbunden mit Ängsten, die daraus resultierten, dass die Werkstätten nicht ausgelastet waren und irgendwann zur Disposition gestanden hätten. Dass es da in Einzelfällen mal zu Friktionen oder zu Missverständnissen kommt, das halte ich für normal bei 230 Mitarbeitern. Das ist aber alles vom Tisch. 

Dass der Laden wieder läuft, beruhigt die bürgerliche Seele erst einmal. Aber sofort kommt auch genau daran die Kritik. Eigentlich müsste die Volksbühne mehr ins künstlerische Risiko gehen, sich als Gesamtkunstwerk verstehen, die Krise suchen, anstatt einfach nur zu funktionieren. Sind Sie dafür der Richtige?
Ich habe den Auftrag, das Theater bis zum Sommer ’21 künstlerisch zu leiten. Und ich versuche das mit einer jüngeren Generation. Künstlerische Arbeit ist immer riskant. Wenn man wüsste, wie es funktioniert, bräuchte man keine Proben. Viele Kommentare sind auch von Unkenntnis geprägt. Jetzt hieß es, dass wir unsere Truppe aus Hannover rekrutieren, wo sich nach Lars-Ole Walburgs Weggang ein Ensemble auflöst. So sehr ich das Ensemble dort schätze, wir haben nur drei Schauspielerinnen, die wir von da holen. Das ist reine Polemik. Auch wenn ich als Verwaltungsfachmann bezeichnet werde – das war ich noch nie. Ich war die letzten neun Jahre stellvertretender Intendant und künstlerisch mitverantwortlich. Es wird auch viel aus der Verklärung und der Nostalgie heraus argumentiert. Vorschläge kommen keine. Es gibt wenige, die aus dem langen Castorf-Schatten heraustreten könnten. Deshalb ist es richtig, mit einer neuen Generation zu starten.

Ist Jungsein das einzige Kriterium, mit dem Sie sich von den anderen Häusern der Stadt unterscheiden?
Nein, wir haben eine klare inhaltliche Setzung, sogar so eine Art Leitmotiv: „Geschichtsmaschine“. Uns geht es um virulente Themen der letzten hundert Jahre: um Identitätspolitik, Feminismus, Rassismus, Postkolonialismus. Und wir greifen nicht auf den Kanon zurück, sondern bringen neue Stücke und Projekte.

Wenn alles so aufgeht, wie Sie sich das vorstellen, wollen Sie dann weitermachen? Haben Sie Blut geleckt?
Die Frage stellt sich mir nicht. Das muss der Kultursenator beantworten. Ich arbeite seit 20 Jahren mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.

Spricht der Kultursenator mit Ihnen über die Zukunft?
Über die der Volksbühne spricht er mit vielen. Was meine eigenen Perspektiven angeht – da halte ich es nicht für besonders sinnvoll, weiter als zwei Jahre in die Zukunft zu blicken. Mir sind in meinem Berufsleben immer die richtigen Menschen und die richtigen Aufgaben begegnet. Ich freue mich darauf.

Interview: Ulrich Seidler

Aus den Plänen 2019/2020:

Projekte: „Eine Odyssee“ nach Homer, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson; „Right here – Right now“, R.: Kay Voges; „Germania“ von Heiner Müller, R.: Claudia Bauer; „Howl“ nach Alan Ginsberg, R.: David Marton; außerdem inszenieren Lucia Bihler, Stefan Pucher, Marius Schötz, Susanne Kennedy, Pinar Karabulut, Hans-Werner Kroesinger, Constanz Macras u. a.


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