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Staatstheater Wiesbaden

„Vögel“ von Wajdi Mouawad in Wiesbaden: Können wir anders?

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Das packende Stück „Vögel“ des frankokanadischen Dramatikers Wajdi Mouawad in Wiesbaden.

Die Frage, ob Leid vererbbar ist, birgt kaum weniger Sprengkraft als die Frage nach der vererbten Schuld. Worauf berufen wir uns, wenn wir über unsere Herkunft als Teil unserer Identität sprechen? Und: Bringt das was? Die Drastik, mit der der junge Berliner Jude Eitan das verneint, die Entschiedenheit, mit der er sich auf die Biologie konzentriert – „unseren Genen ist unser Dasein egal“ –, signalisiert bereits, dass es am Ende so einfach nicht sein wird. Dabei ist es am Ende gewissermaßen ebenfalls einfach. Das fundamentale Scheitern des erzkonservativen Juden oder das ad-hoc-Bekenntnis der amerikanischen Araberin zu ihren palästinensischen Wurzeln machen aus den Figuren schon auch symbolisch beladene Träger der Ideen ihres Autors. Und im Falle der Amerikanerin Wahida ist es – wenn man den Romeo-und-Julia-Gehalt der Handlung ernst nimmt – fast so, als würde Julia einsehen, dass es richtig gewesen wäre, unter Capulets zu bleiben.

Gleichwohl ist Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ packend und schlaufenreich. Die deutsche Erstaufführung war am Schauspiel Stuttgart, dort mit einem beträchtlichen Aufwand, auf den das Staatstheater Wiesbaden nun verzichtete. Es ist nämlich ein nicht unerheblicher Reiz, wenn die Figuren so besetzt sind, dass jede in ihrer Muttersprache sprechen kann. Spannend ist die Authentizität, wenn die Hebräischkenntnisse unterschiedlich gut sind, die Akzente divers, wenn die einen sich auf Deutsch, die anderen auf Englisch (amerikanischem Englisch, Schulenglisch), eventuell auf Arabisch verständigen können. Das Publikum braucht ständig Übertitel, aber Fremdheit und Nähe, im Alltag durch nichts mehr geprägt als durch die Sprache und ihre Laute, spiegelt sich dann ohne Erklärungen perfekt.

Überhaupt findet man sich rascher in die Situation, wenn man hört, wer hier woher kommt. Dass es offenbar ein junger Deutscher ist, der in New York eine junge Amerikanerin kennenlernt, und die beiden wissen nicht, dass er Jude ist und sie Araberin. So betrachtet. Und zunächst ist ihnen das eh egal.

Auch in Wiesbaden ist das mit dem vertrauten deutschsprachigen Ensemble eine bezaubernde Szene, die Liebe, so plötzlich da und immer irgendwie überraschend. Auch wenn Regisseur Daniel Kunze uns zunächst im Dunkeln tappen lässt, sind Mira Benser (Wahida) und Christoph Kohlbacher (Eitan) ja sympathisch, und natürlich glaubt man auch gleich selbst an die Möglichkeit, dass es Liebe sein könnte, während sie da tanzen und tanzen und tanzen.

Staatstheater Wiesbaden:20., 22., 25., 26., 27. September. www.staatstheater-wiesbaden.de

Trotzdem also eine Phase des Zurechtfindens: Auf einer anderen Zeitebene liegt Eitan bereits im Koma in einem Krankenhaus in Jerusalem. Das junge Paar ist auf die Reise gegangen, weil Eitan festgestellt hat: Sein Vater ist nicht der Sohn seines Großvaters. Eitan hat das festgestellt, weil er sich über seine Eltern geärgert hat, die eine Araberin in ihrer Berliner Wohnung nicht willkommen heißen wollten. Kausalitäten setzen uns in Gang, setzen auch die Menschen auf der Bühne in Gang. Sie denken, sie würden das tun, weil sie es tun wollen. Aber Dorothea Lütke Wöstmanns Bühne ist von Schienenwegen durchzogen, auf denen Höckerchen und Eitans Bahre entlangfahren und an denen sich auch die Schauspieler orientieren.

Das klingt theoretischer, als es dann ist. Während die Konstruktion manchmal knirscht und die Kostüme von Sophie Leypold sich etwas ablenkend um Unverbindlichkeit bemühen (freilich auch unbehaglich sind!), während die Phase der Orientierung auch recht lange dauert, wird im Einzelnen lebhaft und Aufmerksamkeit heischend gespielt. Benser und Kohlbacher sind ein frisches Paar, Christian Klischat und Sybille Weiser als Eltern fast noch interessanter – sie vor allem, Ostberlinerin mit gezielt unjüdischer Sozialisation. Am interessantesten aber Benjamin Krämer-Jenster als still vor sich hin knabbernder Großvater und Angelika Bartsch als seine hier in Maßen biestige Frau.

Es gilt, ein echtes Geheimnis zu lösen. Danach wird Gesprächsbedarf sein.

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