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„Villa Alfons“ von David Gieselmann in Mainz: Immer den Dax rauf

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Von: Marcus Hladek

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„Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz: Klaus Köhler, Kruna Savic, David T. Meyer (v. l.) beim Tanz vorm schwarzweißen Dachs. Foto: Andreas Etter
„Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz: Klaus Köhler, Kruna Savic, David T. Meyer (v. l.) beim Tanz vorm schwarzweißen Dachs. © Andreas Etter

David Gieselmanns Wirecard-Komödie „Villa Alfons“ in Mainz bleibt hinter der Realität zurück, ist aber tüchtig grotesk.

Sechs Meter lang, zwei hoch, beherrscht eine Tierskulptur Anette Hachmanns Bühne und David Gieselmanns Metaphorik in dessen Komödie „Villa Alfons“ am Staatstheater Mainz. Regie führte Christian Brey. Zoologisch Unbedarfte mögen die schwarzweiße Bestie auf ihrem Podest für ein Stinktier halten, jedoch kann es nur ein Dachs sein. Als Marderartige nah verwandt sind sich beide Arten, doch steht allein der Dachs für den Dax: den Deutschen Aktienindex.

„Villa Alfons“ handelt vom sehr realen 1,9-Milliarden-Euro-Skandal des Zahlungsdienstleisters Wirecard, der auch eines Stinktiers würdig wäre. Wirecard wird in der Komödie zu Instacard, aus CEO Braun wird Schwartz (Klaus Köhler), aus dem Cheftrickser Jan Marsalek Jens Marlicek (David T. Meyer). Sonst bleibt fast alles beim alten.

Angesichts einer Komödie wie „Villa Alfons“ stellen sich dringlich zwei Fragen: Bildet sie die Realität ab, und wird gutes Theater daraus? Am ersten Sachverhalt darf man zweifeln, da sich der reale Skandal zur Hydra immer neuer Fragen weitet, „Villa Alfons“ aber „Stopp“ sagen muss. Was der Autor zeigt, ist im Prinzip nur die auf Sand gebaute Börsen-Scheinwelt. Den Rest verkürzt er aufs lächerliche Sinnbild: den selbsternannten Chef des Fantasiestaats Akkomachinga, der in Mainz, gespielt von Holger Kraft, Indianerfedern spazieren führt. Falls Recherchen von „Capital“ und „Financial Times Deutschland“ stimmen, umfasst die Liste der real mit Jan Marsalek verbundenen Akteure und Umtriebe aber: den russischen Militärgeheimdienst GRU (der mit den Novichok-Morden), die Putin-treue „Wagner-Gruppe“ globaler russischer Söldner, Russlands geopolitische Strategie im östlichen Mittelmeer sowie Drohungen gegen Journalisten, die nur im Stück zur Farce schrumpfen. Realitätsabbildung: Drei minus.

Und die Theaterkunst? Man muss den Mut des Autors rühmen, diesen komplexen Stoff zu wagen und uns mit zappelnden Erklärungen über „Zahlungsdienstleistung“ zu kommen oder in Liedform den sozialpsychologischen Halo-Effekt zu erörtern („Ist der Ruf nicht ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert“). Da stinkt dann der arme Internet-Schuhhändler als wandelnder Schuhladen (Kostüme: Elisa Limberg) gegen den Zwischenakteur Instacard ab. Dass Gieselmann den Stoff harmlos verkürzt (weil: Akkomachinga), bestätigt sich, wenn Gartenzwerge zum Drohmittel werden oder gar tanzen. Hochstapelei und virtuelles Geld, Sein und Schein, Schnarchnasen als Prüfer, totaler Mangel an gesundem Menschenverstand: so etwas ist Trumpf.

Regie und Ensemble präsentieren die Sache in flotter Groteske. Vincent Doddema spielt komisch-manieriert mit artistischem Glanz den 007 aus Wien, den vogelhaften Chefredakteur und den pompösen Guttenberg-Abklatsch. Szenenapplaus belohnt ihn, wenn er laufintensiv um den Dachs herum Dialoge mit sich selbst führt. Für Luftlöcher zum Denken sorgt außer Kruna Savic als Journalistin Lopez, auch Monika Dortschy, sei es als Mutter von Jens oder Schauspieldozent mit Karl-Lagerfeld-Flair, der mit Selbstironie die Gegenwelt der Schauspieler anführt, die in München herrlich selbstironisch sie selbst sind, in Singapur „Bank spielen“ und dann den Betrug entlarven, dem sie dienten. Das Opernhafte der Lied-Finals vor jedem der fünf Akte gefällt. Löblich auch das Schneewunder, just als unter Tanz und Musik à la Falco der Dax bestiegen wird und die Augen Werdachs-mäßig bunt aufglühen.

Was bleibt? Erstens: „Das Produkt ist der Eindruck, dass die Geschäfte gut laufen.“ Kein Börsenteufel möchte verfehlen, auf den größten Haufen gesch... zu haben. Zweitens die Groteske der Erleuchtung nach manch plattem Witz („Was führst du im Schlange, du falsches Schild?“), die CEO Braun ereilt, da er aus dem Bauch des Dachs in Buddha-Pose fast schon sein Börsen-Nirwana-Seminar lanciert.

Staatstheater Mainz: 4., 5., 14. Februar. www.staatstheater-mainz.com

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