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Münchner Familienbeziehungen

Die Verwandten

Stefan Puchers halbgarer "Platonow" und Lola Arias´ "Familienbande" an den Münchner Kammerspielen. Von Christine Dillery

Von Christine Diller

Kaum ist ihr Übervater gegangen, beschäftigen sich die Münchner Kammerspiele intensiv mit Familienbeziehungen. Die erste Spielzeit nach Frank Baumbauer, eine Interimszeit, bevor Johan Simons 2010 die Intendanz übernimmt, eröffnete das dreiköpfige Leitungsteam mit einer doppelten Untersuchung von Bluts- und anderen Verwandtschaften.

"Platonow" stand als erstes auf dem Spielplan, Tschechows frühes, titellos gebliebenes Stück, bisweilen auch "Die Vaterlosen" genannt. Mit ihnen scheint Regisseur Stefan Pucher noch eine Rechnung offen gehabt zu haben. Erfolgreich hatte er vor einigen Jahren "Der Kirschgarten", "Die Möwe" und "Drei Schwestern" inszeniert. 2006 ließ er an der Berliner Volksbühne "Die Vaterlosen" folgen - und scheiterte nach Meinung der meisten Kritiker. Ein Grund mehr vielleicht für Pucher, sich weiter an seinem verehrten geistigen Vater Tschechow abzuarbeiten, diesmal unter dem Titel "Platonow" in einer von ihm selbst bearbeiteten Fassung.

Pucher lässt die Figuren des Stücks, die Väter, Söhne und ihre Frauen, in einem großen Sandkasten spielen. Das Gut der verschuldeten Generalswitwe Anna Petrowna, das Bühnenbild von Nina Wetzel, ist von Strandsand bedeckt. Ein Pool lädt zum Baden ein, das Plastikmobiliar zum Sonnen, der Alkohol zum Vergessen. Eine öde Video-Landschaft lockt auch nicht gerade zu neuen Horizonten. Ab und zu hält eine U-Bahn davor und spuckt Besucher aus: Hier trifft, amüsiert und langweilt man sich.

Im Mittelpunkt umringt und umworben: Platonow, geistreich, wortgewandt, nur Dorfschullehrer, dafür Zyniker und Weiberheld. Thomas Schmauser spielt ihn, mit Lenin-Tätowierung überm Herzen, wie er immer spielt, schmierig, nölig, eitel und doch voller Selbstekel, "schmauserig" eben. Und die Frauen, Kunst- und Lustobjekte in vogelwilder Kostümierung, betört er mit unverhohlenem, alles riskierendem Ennui. Schmauser ist der Richtige für die Rolle, aber er macht zu wenig aus ihr, denn er spielt nicht den, der zuallererst unter sich selbst leidet. Und das fällt besonders auf in einer Inszenierung, die die Tschechowschen Figuren schon als Vereinzelte, Einsame zeigt, die nicht einmal mehr so tun, als hätten sie gemeinsam Spaß. Ob verwandt, verschwägert oder scheinbar verliebt, hier hat keiner mehr ernsthaft mit dem anderen zu tun. Und so sandeln Puchers Vaterlose autistisch vor sich hin, jeder der wunderbaren Schauspieler baut an seiner eigenen kleinen Burg, bis sie wieder auseinanderrieselt. Keine Interpretation von Bestand, Pucher ist mit "Platonow" noch nicht fertig.

Wie direkt, unkompliziert und naiv mutet dagegen Lola Arias´ "Familienbande" an. Die Argentinierin, mit ihren poetisierten Dokumentarprojekten auf vielen europäischen Festivals vertreten, stellte im Werkraum eine echte Familie auf die Bühne. Zwei Mütter, Vater, Tochter, sogar ein Baby und zwei Kaninchen, eins niedlicher als das andere. Dazu gehört Mut, und den bewiesen auch die Schauspieler dieser Produktion mit ihrer privaten Geschichte.

Katja Bürkle bekam als 19-Jährige zusammen mit Florian Huber ein Kind. Die Eltern trennten sich nach einiger Zeit, und Bürkle wurde mit ihrer Kollegin Silja Bächli ein Paar. Als die Frauen sich ein weiteres Kind wünschten, baten sie Huber um Hilfe. Und da sind sie nun alle und erzählen, was ihnen bei den Wendungen und Entscheidungen ihres Lebens so durch den Kopf ging. Was für eine Rolle sie spielen, für die anderen, die Familie und die Gesellschaft und was das mit ihnen zu tun hat.

Auf der Bühne steht ein Bretterverschlag, die Rückseite eines Hauses. Darüber geblendet werden anfangs Szenen aus einer Puppenstube und Morgenrituale aus der Zwei-Mäderl-Beziehung. Die Eltern arbeiten, kaufen ein und machen Späße, das Baby gedeiht, die Tochter geht zur Schule und ihr leiblicher Vater schaut regelmäßig vorbei. Fast zu schön, um wahr zu sein, erscheint die erweiterte Form der Frühstücksmargarine-Familie. Und das soll sie auch, denn was ihre Mitglieder erzählen, das ist manchmal doch das Gegenteil.

Bächlis Eltern lehnen diese Familie ab und haben den Enkel noch nie gesehen. Bürkle hat es als Schauspielschülerin mit Kind sicher auch nicht gerade leicht gehabt. Beim zweiten Kind bekamen die beiden die Ablehnung der Ärzte zu spüren. Einander stellen sie heute die alten Fragen nach Treue, Vertrauen und Verlässlichkeit. Und Huber grübelt, wieso er, der Inspizient, Bühnentechniker und Sozialarbeiter, auch als Vater wieder nur auf der Seitenbühne des Lebens steht. Wahrhaftigkeit und Charme hat diese Realität auf dem Theater, aber nicht nur das, auch Raffinesse, wie sie sanft und liebevoll alte Rollenmuster, Vorurteile und Konflikte aufdeckt. Das Ergebnis ist weniger naiv, als die Machart zunächst vermuten lässt, und dabei auch tröstlich.

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