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Ich verstehe mich nicht

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Von: Dirk Pilz

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"Phädra", ein von Jean Racine im Rückgriff auf antike Vorlagen erfundene und von Schiller übersetztes Stück, wird im Deutschen Theater Berlin aufgeführt.
"Phädra", ein von Jean Racine im Rückgriff auf antike Vorlagen erfundene und von Schiller übersetztes Stück, wird im Deutschen Theater Berlin aufgeführt. © epa

Ein Stolperdrama: Stephan Kimmig inszeniert am Deutschen Theater Berlin Jean Racines "Phädra" mit Corinna Harfouch.

Mit diesen Haaren, lang, dunkelschwarz und verzottelt, sieht sie aus, als sei sie einem fernen Hexenreich entstiegen. Dazu diese Augen, kalt und spitz, als suchten sie nach Pfaden, die Welt zu vernichten. Man möchte ihr nicht begegnen müssen, würde Umwege gehen, ausweichen wollen. Sie rührt sich kaum, drückt den Arm hoch an die Wand, die Hand zuckt, der Kopf ist sonderbar gesenkt: eine Statue, die zu explodieren droht. „Ich bin von Sinnen“, verkündet sie. Man glaubte es gern.

Aber sie sagt es mit dem schneidenden Selbstspott der Verzweifelten; so spricht keine Hexe, so sprechen Nahverwandte. Ihr Aussehen ist Täuschung, Maske, Versteck. Sie ist nicht von Sinnen, sie liegt in strengen Seelenfesseln, an Ketten, die sie selbst gelegt hat, wider Willen, ohne Ausweg. Sie leidet, weil sie ist, was sie ist, und weil sie nicht begreift, was sie ist. Sie redet von Göttern, von Himmeln, sie mögen sein, diese hier ist aber ohne jeden Himmel, verstrickt in ein durchweg innerweltliches Drama. Sie stürzt sich in alte, Halt und Sinn gelobende Verse. Sie halten ihr Versprechen nicht. Die Wortgefäße sind längst rissig, es zieht zwischen den Silben, es regnet in die Sätze.

Das also ist Phädra: herübergekommen aus tiefer Zeit, eingekerkert in unserer Gegenwart. Sie ist bei Corinna Harfouch eine Schwebende, schwebend vor Schwere, niedergedrückt aufrecht. Wenn diese Phädra der Vertrauten Oenone die Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolyt gesteht, in schartigen Worten, lässt Kathleen Morgeneyer Oenone in Wuttränen und Entsetzensblicke über die unmöglichen Gefühle ausbrechen: das erwartbare, verständliche Beben, die Unausweichlichkeit des Herzens.

Harfouch aber legt ihre rechte Hand nicht aufs Herz, sondern darunter, Richtung Milz und Magen. Sie liebt mit den Eingeweiden, gegen sich, gegen jede Vernunft, gegen jedes geordnete Gefühl. Phädra, in einer Tragödie zu Hause und doch unsere Artgenossin, noch immer, trotz allem.

Es gefällt dem Deutschen Theater, dieses von Jean Racine im Rückgriff auf antike Vorlagen erfundene und von Schiller übersetzte Stück als Monolith zu vermarkten, „fremd, tief, gewaltig“. So steht es im Programmbuch. Es stehen dort allerlei lesenswerte Dinge von Heiner Müller, Euripides, Pascal. Gleich zu Beginn werden auf die weißen, hohen Bühnenblockwände auch Erklärsätze projiziert, die folgenreiche Affekt-Definition von Spinoza, der von Deleuze entliehene Hinweis, dass jeder Affekt zwar kollektiv sei, aber die einzelnen Körper wie Pfeile durchquere. Das ist Theorie, sehr interessant. Die Spielpraxis dieses von Stephan Kimmig arrangierten Zweistundenabends erzählt jedoch eine eigene Geschichte, es ist die Geschichte einer unheimlichen Nähe: „Phädra“ als Gegenwartsstoff, als Spiegel heutiger Affektlandschaften.

Denn so wie Alexander Khuon im graublassen Strickpullover seinen Hippolyt vor die Wand stellt und in die Stirn eine Kummerfalte schiebt, wie ihm dabei die Silben stets abrutschen, wie er ohne Anlauf ins Sieden gerät, wenn er der Gefangenen Aricia seine Liebe eröffnet, was Linn Reusse gegen die Wand rennen, gleichzeitig starren und staunen, kurz einmal auch einen Tanzschritt probieren lässt, wie sie dabei mitten im Wort die Silben um Sechszehntel schneller macht, als stürzten sie unvermittelt ab; und so wie Bernd Stempel seinen Phädra-Gatten Theseus den Zorn über ihre Hippolyt-Liebe in Zynismus erstickt, wie Morgeneyer ihre Tränen und Harfouch mit teilnahmsloser Ergriffenheit ihre kalte Glut ausstellt, wie sie hier stets einander in den Rücken sprechen, wie sie die Sätze übereinander herfallen und verunglücken lassen – darin sind Menschen zu erkennen, die sich selbst nur zu gut kennen, aber nicht begreifen. Noch die Versuche Phädras, sich durch Perückenwechsel (die Haare werden kürzer und heller) und anderem Aussehen ein anderes Empfinden zu verordnen, sind verzweifelte Versuche sich von sich selbst loszureißen. Aber jeder Schritt auf den anderen hin ist ein Schritt von diesem weg. Tragödie heißt, sich nicht auszuweichen zu können, heißt zur Einkapselung, zum unerbittlichen Selbstbezug verurteilt zu sein.

Ja, sie spielen den 1677 uraufgeführten Racine-Text, sie sprechen Schillers Übersetzungsworte von 1805, verzichten auf jede Musik, jeden Lichteffekt, jede Ablenkung, aber sie aktualisieren nicht einfach einen kanonischen Text, sie werfen ihn ungebremst ins Gegenwärtige. Die Liebe als Zumutung, das Leben als Drahtseilakt, das ist der Stoff dieser dichten, anspruchsvollen Inszenierung. Es fällt einem Kafka ein, sein berühmter Satz vom wahren Weg als Drahtseil, das aber nicht in der Höhe, sondern knapp über dem Boden aufgespannt sei: „Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen als begangen zu werden.“ Die „Phädra“ als Stolperdrama, ein Trauerspiel für Zeitgenossen.

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