Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Lina Beckmann als Ella Rentheim in "John Gabriel Borkman" am Schauspielhaus Hamburg.
+
Lina Beckmann als Ella Rentheim in "John Gabriel Borkman" am Schauspielhaus Hamburg.

Schauspielhaus Hamburg

Verletzt werden und verletzen

Gelungener Saisonstart am Hamburger Schauspielhaus: Karin Beier inszeniert „Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger“ von Elfriede Jelinek, Karin Henkel inszeniert „John Gabriel Borkman“ von Henrik Ibsen.

Von Frauke Hartmann

Kaum etwas bewegt den Menschen so sehr wie seine Kinder. In ihnen spiegeln sich all seine Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte – und gleichzeitig sind sie, die Vertreter der neuen Generation, die er selber einst war, am schlechtesten geeignet, die Erwartungen und Bedürfnisse der Altvorderen zu erfüllen. Quo vadis, Kind?

Diese Frage steht als verbindende Klammer über den beiden Abenden, mit denen Karin Beier jetzt ihre zweite Spielzeit als Intendantin am Hamburger Deutschen Schauspielhaus eröffnete.

Keine verschleppten Sanierungsarbeiten, kein Bühnenunfall, wie vor einem Jahr bei ihrem Fehlstart als Hoffnungsträgerin für eine der besonders schwierigen deutschsprachigen Bühnen, nein, diesmal ging es pünktlich und mit Macht los.

„Pfeffersäcke im Zuckerland & Strahlende Verfolger“, Beiers Auseinandersetzung mit dem Deutschtum in Brasilien und einem Text von Elfriede Jelinek, ist nun eine schöne Überraschung zum Auftakt geworden.

Wir betreten eine Menschenausstellung (Bühne: Johannes Schütz), 13 Glaskästen besetzt mit Schauspielern, Musikern, Kindern, Filmemachern, die in die skurrilen Biographien deutscher Auswanderer und deren Nachfahren geschlüpft sind und aus ihnen erzählen.

Deutschen-Bashing

Wir erleben Rassismus in seiner Umkehrung, sentimental angestaubt, mit vielen Lachern und Fragezeichen, mit Häkeldeckchen und Kant, mit Lessing, Bierdeckeln, Bratwürsten, Luther und einem geschmiedeten Schäferhund als Inventar, unterbrochen von tropischem Regen, einem deutschen Männerchor und O-Tönen von Merkel, Gauck und Steinmeier.

Der Besucher wird selbst zum Teil einer multimedialen Installation, die mit historischen Filmaufnahmen an den Wänden befeuert wird. Das Ganze gipfelt in Jelineks monologischem Text „Strahlende Verfolger“, eine Mischung aus Deutschen-Bashing und Selbstanklage, dessen zirkuläre Struktur Karin Beier geschickt aufbricht.

#gallery

Jelineks Textblock wird von Kathrin Wehlisch, Mariana Senne und Florence Adjidome als Museumswärterinnen gespielt und, durchaus empört, von den Schauspielern kommentiert. Neben vielen Klischees, die sie hemmungslos auffährt, lässt Beier sieben Kinder hineinmarschieren, sie starren in die Vitrinen, und die darin Eingesperrten zucken zusammen.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Sieht so unsere Zukunft aus? Kann man diese Migrantenkinder wegdenken, weglegen oder fortschleppen? Beier lässt die Ausgestellten heraus und zeigt, wie eingesperrt sie in ihrem Denken sind.

Unheilvolle Anmaßung

Die Frage nach den Kindern stellt auch Karin Henkel, vom Fachmagazin „Theater Heute“ gerade zur Regisseurin des Jahres ernannt, in Ibsens Spätwerk „John Gabriel Borkman“, das im Großen Haus Premiere hatte.

Sie konstruiert das bürgerliche Drama des bankrotten Bankiers, der sich in unheilvoller Anmaßung über die erhebt, die er ins Unglück stürzte, zu einer bitteren Komödie um. Gleich zu Beginn sieht man Borkmans Ende.

Die Bühne hat Katrin Nottrod in eine Gruft verwandelt, ein Raum mit zugemauerten Fenstern, am hinteren Bühnenrand liegt Josef Ostendorf als Borkman in seiner Leibesfülle wie aufgebahrt.

Vorne tummeln sich Mädchen in rosa Kleidchen und singen in einem melancholischen Chor. Die Schlüsselszene liefern Lina Beckmann und Julia Wieninger als Zwillingsschwestern Ella und Gundhild: sie streiten sich um einen Plüschteddy und reißen ihm dabei den Kopf ab. So wie Kinder spielen und dabei im Streit üben, was ihr späteres Leben beherrscht, Macht und Ohnmacht, verletzt werden und jemanden verletzen, haben wollen und nicht hergeben, so hat Henkel das ganze Stück aufgebaut.

Auch als alte Frauen sind die Schwestern getrieben von ihrem gefährlichen Spiel. Borkman und seine Frau Gundhild haben sich seit seiner Haftentlassung, seit fünf Jahren nicht gesehen, nur gehört, da sie im selben Haus leben und sich dem anderen durch Poltern oder Wolfsheulen bemerkbar machen. Das Haus aber gehört Ella, die ein Anrecht auf Erhart, den Sohn der Schwester zu haben meint, und früher die Geliebte von Borkman war.

Alle Schauspieler benutzen häufig Masken, die sie alt und hässlich erscheinen lassen, und tun es willkürlich, wie Kinder. Das macht es einem etwas schwer, hineinzukommen in diese Monstretragödie, die keine sein will und doch eine ist. Alles ist Spiel, nichts ist ernst und wird dadurch bitterer Ernst.

Clownesker Stepdance

Höhepunkt dieser erstaunlich komischen Welt, die Henkel da vor uns ausbreitet, ist Lina Beckmanns clownesker Stepdance in einem hellblauen Negligé, mit dem sie Borkman an ihre Jugend und ihre verschmähte Liebe erinnert. Das Unperfekte, das Stolpern, Fallen, die Mischung aus Marilyn Monroe und „West Side Story“ kann Beckmann perfekt.

Wie armselig erscheint dagegen die Jugend. Jan-Peter Kampwirth als Borkman-Sohn Erhart weiß noch nicht einmal, ob er Mann oder Frau ist. Seine Mutter Gundhild und seine Ziehmutter Ella behandeln ihn wie ein Kleinkind in der Badewanne, zerren an ihm wie Brechts Mütter im „Kaukasischen Kreidekreis“, und natürlich kann Erhart nichts und will auch nichts, vor allem nicht arbeiten, vor allem nicht mit seinem Vater.

Völlig hilflos verweigert sich Erhart den Ansprüchen von Eltern und Tante, für sie da zu sein. Er hat keinerlei Idee, wer er ist. Bei Kampwirth sieht man nichts von Ibsens flammendem jungen Mann, nur devot flackernde Überforderung auf allen Ebenen. Fahrig wie einst Otto Waalkes wird er untergehen.

Die Frau, mit der Erhart nach Süden zieht, ist die einzig starke Person in dem Stück. Die Engländerin Kate Strong gibt sie als eiskalte Pragmatikerin, die Macht über Erhart hat, weil sie genau weiß, dass sie sie eines Tages verlieren wird.

Zumindest am Schauspielhaus scheint das Zeitalter der Frauen angebrochen zu sein. Karin Beier ist ganz auf der Höhe der Zeit.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg: „Pfeffersäcke ...“, 23., 26., 28., 29. September. „John Gabriel Borkman“, 26. September.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare