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Karlhein Braun

Karlheinz Braun

„Arbeiten und nicht verzweifeln“

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Der Verleger Karlheinz Braun hat Theatergeschichte geschrieben und seine Erinnerungen veröffentlicht. Eine Begegnung.

Nein, er wollte dieses Buch nicht schreiben. Wollte partout keine Erinnerungen im üblichen Sinne präsentieren. „Das hatte ich nicht vor.“ Denn Karlheinz Braun lebt trotz seiner 86 Jahre keineswegs in der Vergangenheit. Ganz im Gegenteil. Wenn der gebürtige Frankfurter heute Postkarten mit Grüßen verschickt, dann tragen sie das Motto: „Etwas Neues wird kommen.“ Doch jetzt hat der Mann, der Jahrzehnte die Welten von Literatur, Theater und Kunst in Deutschland miteinander verband, doch auf 700 Seiten Bilanz gezogen. „Herzstücke“ heißt seine Arbeit und sie trägt den schlichten Untertitel „Leben mit Autoren“. Entstanden ist nicht weniger als eine komprimierte kleine Kultur- und Literaturgeschichte Deutschlands vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart. Geschrieben mit sanfter Selbstironie, unterhaltsam und nachdenklich.

Braun betritt zur Mittagsstunde das Café des Kunstvereins in Frankfurt mit leichtem Schritt, wirkt aufgeräumt, hat natürlich die Zeitungen des Tages schon gelesen. Jahrelang hatte der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling ihn um dieses Buch gebeten, hatte immer eindringlicher insistiert, bis der gebürtige Frankfurter am Ende endlich mit dem Schreiben begann. Anderthalb Jahre lang, jeden Tag, mit großer Disziplin. Vom Aufbruch mit dem Studententheater der 50er Jahre über die Verlags-Legende Suhrkamp und den Aufstand der Lektoren dort, über die Gründung des Verlags der Autoren vor 50 Jahren, über die Zeit mit Rainer Werner Fassbinder am Theater am Turm, das Theaterprogramm der Documenta, vieles mehr.

In der Arbeitersiedlung Hellerhof und im Frankfurter Bahnhofsviertel ist er aufgewachsen als Sohn eines Spediteurs, schon als Gymnasiast mit dem Theater-Gen. Er entdeckte die Liebe zu Wagner und zu französischen Avantgarde-Autoren. Er studierte Literaturwissenschaften und Philosophie in den 50er Jahren und wurde Leiter des Studententheaters „Neue Bühne“.

Eine Zeit, in der das Theater viel mehr Gewicht besaß als heute. „Die Studenten-Theater waren die Avantgarde, die Städtischen Bühnen fast überall verstaubt und autoritär – wir waren das Anti-Theater.“ Viele spätere große Regisseure begannen damals am Studenten-Theater: Peter Stein, Jürgen Flimm, Frank-Patrick Steckel. In Frankfurt spielte die „Neue Bühne“ den ganz jungen Günter Grass, aber natürlich auch Bertolt Brecht und Wolfgang Hildesheimer.

Braun drängte es jedoch zu Suhrkamp in Frankfurt, den großen literarischen, den großen Theater-Verlag in Deutschland. Ihm gelang es tatsächlich, einen Termin beim Patriarchen Peter Suhrkamp zu bekommen: „Er war alt und sehr krank – aber er nahm sich Zeit für mich.“ Suhrkamp vermittelte ihn als Regieassistent an die Städtischen Bühnen – doch der junge Mann kam mit dem autoritären Generalintendanten Harry Buckwitz nicht zurecht: „Er benahm sich wirklich wie ein General.“ Nur ein Jahr hielt er es unter Buckwitz aus und durch.

Endlich gelang es ihm, bei Suhrkamp anzudocken – und schon begegnete ihm die nächste große autoritäre Figur: Siegfried Unseld, Verlagschef nach dem Tod Suhrkamps. „Den Verlag geführt hat Unseld – die Arbeit haben wir gemacht, die Lektoren.“

Braun erzählt die Verlagsgeschichte konsequent von den Autoren her, die er betreute: Max Frisch, Peter Weiss, Martin Walser. Peter Handke, Thomas Bernhard. In einer witzigen „Gegenüberstellung“ konfrontiert er im Buch den introvertierten intellektuellen Haupt-Lektor Walter Boehlich mit Unseld: „Von durchschnittlicher Bildung“, Affären, metallic-blauer Jaguar. Boehlich dagegen: Fahrrad, fünf Sprachen, 15.000 Bücher zuhause. Am Theater am Turm schrieb der junge Lektor Braun damals Theatergeschichte. 1966 gründete er mit dem FR-Feuilletonredakteur Peter Iden das Festival „Experimenta“. In dessen Rahmen führte unter anderem der junge Regisseur Claus Peymann eines der ersten Stücke des jungen österreichischen Autors Peter Handke auf: „Publikumsbeschimpfung“.

Die Entwicklung von Suhrkamp beschäftigt Braun noch heute. Er bedauert, wie er im Gespräch sagt, „dass Unseld nicht rechtzeitig für seine Nachfolge gesorgt hat.“ 1968 , im Jahr der allgemeinen Revolte, probten auch die Lektoren den Aufstand, der sich gegen den Verlagschef richtete. Sie unterlagen zwar, doch Braun gründete 1969 mit anderen den ersten deutschen Verlag, in dem die Schriftsteller das Sagen hatten: Eben den Verlag der Autoren.

Er hegte „die große Hoffnung, dass unser genossenschaftliches Modell auf andere Verlage übergreifen würde.“ Doch der Kapitalismus, den er damals abschaffen wollte, erwies sich als erstaunlich flexibel.

Heute macht sich Braun nichts vor. „Die meisten Verlage sind im Besitz von Konzernen – drei oder vier Konzerne bestimmen in Deutschland.“ Bei Suhrkamp wurmt es ihn, dass nach dem Tod von Unseld dessen Ehefrau Ulla Berkewicz „den Verlag an sich gerissen“ habe. „Eine kluge und liebenswürdige Frau – doch sie hatte keine Ahnung vom Verlagswesen.“ Braun bot sich ihr als Berater an: „Sie wollte davon nichts wissen.“ Noch heute nennt er die Entwicklung bei Suhrkamp „tragisch“ und fügt hinzu: „Unseld wäre nie nach Berlin gegangen“.

Braun erlebte, wie sich der Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder 1974/75 als Intendant am Avantgarde-Theater am Turm (TAT) versuchte – und scheiterte. „Fassbinder war ein selbstzerstörerisches Genie – der Film war für ihn das Wichtigste, er war kein Theaterleiter.“ Kurz nach der Fassbinder-Episode, 1976, wurde Braun selbst Geschäftsführender Direktor von Schauspiel Frankfurt. Doch das offizielle Stadttheater war seine Welt nicht – er kehrte 1979 zu seinem Verlag der Autoren zurück.

Wenige Jahre später erschütterte der Versuch, das Fassbinder-Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ uraufzuführen, Frankfurt und die ganze Republik. Das Stück, in dem ein „reicher Jude“ in der Stadt Häuser aufkauft und Menschen aus ihren Wohnungen vertreibt.

Mitglieder der Jüdischen Gemeinde besetzten am 31. Oktober 1985 aus Protest gegen den in ihren Augen antisemitischen Text die Bühne in Frankfurt und verhinderten die Uraufführung. Braun interpretiert die Auseinandersetzung heute vor allem als Ausdruck „eines inneren Kampfes Junge gegen Alte in der Jüdischen Gemeinde“. Um den Inhalt des Stückes sei es gar nicht gegangen. Dem damaligen Schauspiel-Intendanten Günther Rühle bescheinigt er, „blauäugig in die Sache reingelaufen“ zu sein.

Es waren Zeiten, in denen das Theater noch in der Lage war, die Diskussion in der Bundesrepublik zu bestimmen. Und heute? Auch hier ist der Autor im Gespräch wieder von gelassener Klarheit. „Kein Theater spielt mehr eine Rolle – das Theater hat sich marginalisiert in seiner Bedeutung.“

Der Verleger bedauert das sehr. Auch die Autoren und die Dramaturgen hätten stark an Bedeutung eingebüßt. Heute gäben die Regisseure den Ton an: „Aber sie denken nur an das Wie, nicht an das Was.“

Das heißt nun keineswegs, dass der Theatermann den Bühnen den Rücken gekehrt hat. „Nein, ich gehe natürlich ins Theater.“ Und das Theater als Form funktioniere auch noch: „Die Menschen haben ein Bedürfnis nach gemeinsamer Kommunikation.“ Braun bescheinigt Anselm Weber, dem Intendanten von Schauspiel Frankfurt: „Er macht ein gutes Theater.“ Nur besitze es „keine inhaltliche und ästhetische Linie“ mehr.

Da bricht der Kulturpessimist beim 86-jährigen durch. Erst recht, wenn er über die schwindende Kulturtechnik des Lesens räsoniert: „Die Jungen lesen nicht mehr – das wird katastrophal enden.“ Auch beim Theater werde kaum noch gelesen: „Früher gab es Dramaturgen, die das taten, die treten heute nicht mehr in Erscheinung.“ Die Rolle der Dramaturgie habe heute stark an Bedeutung verloren: „Der Dramaturg darf morgens den Regisseur aus dem Bett holen und ihn dann betreuen.“

Braun lacht. Das ist ein Satz so recht nach seinem Herzen. Überhaupt wirkt der betagte Theatermann frohgemut. Wenn einer 86 Jahre alt ist, dann muss er mit seinem Alter umgehen. Braun zitiert da gerne einen seiner Lieblings-Autoren, den großen Heiner Müller: „Arbeiten und nicht verzweifeln.“

Braun ist stolz auf Frankfurt am Main, der Stadt, der er in all der Zeit nie den Rücken kehrte. Noch ein Zitat, diesmal vom großen Literatur-Theoretiker Karlheinz Bohrer: Frankfurt sei eine „Metropole des tolerierten Eigensinns“. Zu diesem Befund hat Karlheinz Braun, der Träger des Hessischen Kulturpreises, über Jahrzehnte sehr viel beigetragen.

Zur Person

Karlheinz Braun wurde 1932 in Frankfurt geboren. Kaum jemand hat das deutschsprachige Theater der vergangenen 60 Jahre so intensiv beeinflusst und begleitet wie er. 1959 baute er den Suhrkamp Theater Verlag auf, den er im Protest verließ. Anschließend gründete Braun den Verlag der Autoren.

Seine Biografie „Herzstücke. Leben mit Autoren“ erscheint heute im Schöffling Verlag (672 Seiten. 32 Euro).

Die Buchvorstellung findet am Mittwoch, 6.2.2019, im Frankfurter Literaturhaus statt, 19. 30 Uhr.

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