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Truffaldino sucht nach der nächsten Erklärung, hier gegenüber Beatrice (inkognito).

Bad Vilbel

Der verknotete Mensch

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Zuschauerglück mit Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel.

In der Reihe weltberühmter männlicher Dienstleister – von Sancho Pansa bis Dr. Watson, von Diderots Jacques bis Derricks Harry, von Figaro bis Mr. Carson – spielt Truffaldino eine eigene Rolle. „Der Diener zweier Herren“ wird nicht nur herumkommandiert und so weiter. Er befindet sich auch in einer besonders offensichtlich prekären Beschäftigungssituation. Ein Einkommen reicht nicht aus zum Leben, die erforderliche Zweitbeschäftigung bleibt dennoch eine rechtliche Grauzone. Truffaldino muss sich übel und dabei leise abhetzen. Keine hundert Jahre später hätte aus ihm ein Woyzeck werden können, noch mal 150 Jahre darauf ein ehemaliger Sozialdemokrat. Wie die Dinge aber liegen und Regisseurin Adelheid Müther sie auch sympathisierend überschaut, ist er mehr Tropf als Revoluzzer, mehr Dummerjan als Denker.

In der Wasserburg von Bad Vilbel eröffnete Carlo Goldonis Stück das Erwachsenenprogramm der wachsenden Burgfestspiele – denen mit der bundesweit laut rabenstolzem Bürgermeister mittlerweile zweitgrößten Besucherzahl – und kam mit wenig blendend aus. Der Mensch hat ständig Bedarf nach irgendwas. Eine Bühne hingegen wie die von Lilot Hegi und Marie-Therese Cramer braucht bloß ein paar bunte Stellwände mit Türen. Dazu Bretterlaufstege, damit Truffaldino Platz, aber nicht zu viel Platz hat, sich zu sputen. Nachher ein Requisitenminimum: Briefe, die Truffaldino widerrechtlich öffnet und mit Kaugummi wieder schließt (dass er nicht lesen kann, gibt seiner Neugier eine bizarre Note). Ein mehrgängiges Menü für die berühmte Doppelservierszene.

Der Rest gehört den Schauspielern, gehört vor allem Steffen Weixler, einem idealen Truffaldino. Dazu gehört, dass man es ihm zuerst nicht anmerkt. Er ist so – schläfrig. Nicht von Natur aus, nur aus Not nimmt er Fahrt auf. Seine Probleme (Geiz und Gleichmut seiner Arbeitgeber geschuldet!) kann er stets nur von einer Sekunde zur nächsten und für die jeweils nächsten paar Sekunden lösen. Gelingt es ihm, ist er kurzfristig obenauf wie Kleists Richter Adam. Weixlers Truffaldino („ich bin der verwickeltste Mensch der Welt“) ist hinreißend verzagt und verwurschtelt, auch ein echter Clown. Kein Personalbüro der Republik würde ihm eine Festanstellung geben, aber im Theater muss man ihn unbedingt anschauen. Wie er sich von jedem Quatsch ablenken lässt. Wie er die Funktion und Vorteile der Rollen am Rollkoffer entdeckt.

Um ihn herum die offizielle Handlung. Getrennte Liebende müssen wieder vereint werden: Clarice, bei Johanna Dähler ein schön losgelassenes Pubertätsluder, und ihr schnöseliger Traummann Silvio, Michael Raphael Klein. Es wird eine lärmige Ehe sein. Die tapfere, nette Beatrice, Jenny Klippel, und ihr zur Melancholie neigender Geliebter Florindo, Christoph Türkay. Es wird eine friedliche Ehe sein. Und schließlich Truffaldinos reizende Zukünftige, Mirjam Sommer, tausendmal flinker als er. Es wird eine glückliche Ehe sein. Die Aufgabe der Väter ist es wie immer in einer Komödie, im Rückzug ihre Autorität zu wahren. Volker Weidlich und Martin Müller machen das mit Niveau.

Oben schien der Mond so helle, die Eiseskälte hielt jedenfalls total wach, und die Regenwolke trollte sich unverrichteter Dinge. Ein toller Abend. Und wer hat mehr Besucher? Die schon ewig bestehenden Luisenfestspiele in Wunsiedel. Damit kann man leben als Bad Vilbeler.

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