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Verdis „Nabucco“ in Mainz: Ohne göttlichen Zorn

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Von: Judith von Sternburg

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Zaccaria führt den Chor an.
Zaccaria führt den Chor an. © Andreas Etter

Das Staatstheater Mainz will Verdis „Nabucco“ als menschgemachte Affäre erzählen – musikalisch ein großer Abend mit dem Chor als strahlendem Helden.

Die großen Choropern sind auf der Bühne gegenwärtig Mangelware, aber in Mainz ziehen sie daraus nicht den Schluss, dass man dann auch konkurrenzlos schludern könnte. Stattdessen bietet der Chor unter der Leitung von Sebastian Hernandez-Laverny eine Sternstunde gepflegten, großformatigen Singens an, und während es aus der Mainzer Nachbarin beim Schlager des Abends heraussummt, können sich auch steifere Menschen beim „Va, pensiero“ mitreißen lassen wie selten. Zumal das szenisch eindrucksvoll gelöst ist, der Chor zum friedlich sehnend hingelagerten Tableau aus Dutzenden Individuen festgefroren. Alle innere Bewegtheit ist direkt in die Musik überführt – eine Bewegtheit, die in dieser völlig verselbstständigten Nummer jeder mit den eigenen Sehnsüchten und Melancholien füllen kann und wird.

Giuseppe Verdis „Nabucco“ ist als Handlung fern wie ein opulentes Gemälde, das eine biblisch-legendäre Szene abbildet, von der man nur noch die Hälfte versteht. Ein Gemälde zudem mittlerer Güte, wird doch der aufregende Teil der Geschichte verwässert, indem aus Gründen der Konvention auch Liebe und ein Tenor (also ein liebender und geliebter Tenor natürlich) eingearbeitet sind. Jetzt taucht zwischendurch immer wieder einmal der Tenor auf, in Mainz der sehr junge, fitte Vincenzo Costanzo, steht den Mächtigen im Weg und lenkt mit seinem schmachtenden Schöngesang vom Wesentlichen ab. Denn die Hoffart und der beinharte Machtkampf im Zentrum des Geschehens sollten uns Heutige nicht weniger interessieren können als das 19. Jahrhundert.

Vielleicht rührt die Skepsis daher, dass die Inszenierung von Marcos Darbyshire doch nicht sehr triftig erscheint. Der von Martin Hickmann konzipierte Schauplatz, das durchaus unheimelige Innere einer großen, drehbaren Tempelanlage, will und soll nicht zu der leicht 70er-Jahre-mäßigen Zivilkleidung (Annemarie Bulla) passen. Während das Bühnenbild unterm abstrakten goldenen Altar archaisches Grauen vermittelt – im Drehen der Bühne zeigt sich in den Zwischenwänden zudem nicht nur ein steiler Thron, sondern auch ein übler Leichenstapel –, betont die Regie das Menschgemachte der ganzen Situation.

Es ist nicht der Blitz des Herrn, der niederfährt und den arroganten Möchtegern-Gott in den temporären Wahnsinn treibt, sondern die machtgierige Tochter Abigaille bringt Nabucco eine Stichverletzung bei. Mit Amfortaswunde strauchelt er nun umher, bis ihn ein kleines Kind wunderheilt, das aus dem Altarbild geklettert kam. Überhaupt nehmen die Vorgänge konfessionell betrachtet einen seltsamen Dreh ins Katholische. Während keine Langweile aufkommt, halten sich die kraftvollen Bilder im Rahmen, der „Va, pensiero“-Chor wurde genannt. Plausibel auch die Idee, den Jubel für Abigaille mit Gewalt aus dem Chor prügeln zu lassen.

Abigaille: keiner kann sie leiden, aber sie ist neben dem Chor die musikalische Macht des Abends. Verdi fordert sie schwer heraus, was Spannweite und Beweglichkeit betrifft, Marta Torbidoni wirft sich mit Vehemenz und Exaktheit hinein. Simón Orfila ist als Zaccaria ein würdiger, wuchtiger Gegenspieler, während Brett Carter als Nabucco auch stimmlich aus einer anderen, milderen Welt zu stammen scheint, verwandt seiner jüngeren Tochter Fenena, Aya Wakizono. Es wird allgemein viel gelitten in dieser Inszenierung, und zwar, da kein zorniger alttestamentarischer Gott mitmischt und Nabucco letztlich ein braver Mann zu sein scheint, vor allem unter Abigaille. Unter Daniel Montané trägt das Orchester zu einem fabelhaften Gesamtklang mit strahlendem und diszipliniertem Blech bei.

Rasender Beifall im Haus, in dem man – hui – direkt neben Fremden sitzen darf.

Staatstheater Mainz: 2., 6. Februar, 20., 29. März. www.staatstheater-mainz.com

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