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Leonora (Michelle Bradley) ist im 20. Jahrhundert angekommen, der Ku-Klux-Klan ebenfalls.

Oper Frankfurt

Hundert Jahre Hass

Markante, musikalisch fulminante Premiere an der Oper Frankfurt: Verdis „Macht des Schicksals“.

Von Judith von Sternburg

Der unwahrscheinliche Fall, durch einen sich versehentlich lösenden Pistolenschuss getötet zu werden, kann nur eintreten, wenn eine Pistole zur Hand ist. Auch besteht wenig Zweifel daran, dass Leonoras Vater sonst seinerseits gewalttätig geworden wäre, jedenfalls den unerwünschten möglichen Schwiegersohn nicht in die Arme geschlossen hätte. Hinter dem verfluchten Zufall steckt der Hass, also der Mensch.

Zu gering sollte man ihn, den Zufall, dennoch nicht schätzen. Aus herkömmlichen Opernfiguren macht er im Folgenden heimatlos durch Raum und Zeit Gehetzte – vom Rachedurst gehetzt (Don Carlo, Sohn des versehentlich Getöteten), von Schuldgefühl (Leonora, Tochter des versehentlich Getöteten) und von Verzweiflung (Don Alvaro, ehrenwerter Geliebter der Tochter und Täter wider Willen). Sie verlieren sich aus den Augen – der Tenor hat einen Akt frei, dann der Sopran, die Liebenden können sich erst im Stündlein ihre Todes noch einmal kurz umarmen –, treffen sich an unerwarteten Stellen, tragen Decknamen und Masken, erkennen sich nicht, bis sie sich doch erkennen. Eine ganze Weile lang – fünf Jahre, zwei Länder, das ist viel für eine Oper – töten sie sich und einander knapp nicht. Der Zufall greift weiterhin launig ein.

Erst am Ende treffen alle Waffen ins Herz und ist ein Abgrund nahebei, denn an der Oper Frankfurt wird Giuseppe Verdis „La forza del destino“ jetzt in der seltener aufgeführten St. Petersburger Fassung von 1862 gezeigt. Deren krudes Ende hatte der Komponist nach mäßiger Aufnahme in Italien einige Jahre später noch etwas abgefedert. Nun gab es wenigstens einen Überlebenden, der nach den Aufregungen in den Schoß der Kirche zurückkehren konnte. Dazu trieb auch die Dramaturgie des dritten Aktes Verdi noch einmal um, obwohl gerade seine Abfolge im Original jetzt wieder sehr überzeugte: Es ist effektvoller und plausibler, dass die kompliziert verlaufende Wiederbegegnung von Carlo und Alvaro durch den Auftritt von Preziosilla mit ihrem berühmt-berüchtigten „Rataplan“ länger unterbrochen wird. Auch hat der Tenor in der Petersburger Fassung am Ende dieser Wiederbegegnung noch mehr Grund zur Verzweiflung, und singt eine weitere Arie, die man gerne hört aus dem Munde des Armeniers Hovhannes Ayvazyan, eines kraftvoll und kernig, aber empfindlich genug aufsingenden Frankfurt-Debütanten.

Michelle Bradley mit zugleich jugendlich klingendem und gewaltige Sopran

Seine Leonora, Michelle Bradley aus Kentucky, ebenfalls erstmals in Frankfurt, außerdem zum ersten Mal in dieser Rolle, lässt noch mehr staunen mit einem zugleich jugendlich klingenden und gewaltigen Sopran. Die Höhen dabei ganz weich und fast immer wie anstrengungslos. Die Grundierung angenehm dunkel, vielleicht entstand dadurch dieser Eindruck von Reife bei aller Frische und Beweglichkeit. Anscheinend ein Stimmwunder. Christopher Maltman nutzt seinen Weltklasse-Bariton, um den dominanten Wüterich Carlo in seinem vernichtenden Zorn Ton werden zu lassen, ohne auf gepflegten Wohlklang zu verzichten.

Das musikalische Niveau unter der Leitung von Jader Bignamini ist herausragend. Das macht die beträchtliche Zahl der exzellenten Solisten – denn das ist keine intime Oper, Verdi erweitert sie zum Panorama mit Genreszenen und lässt markante Typen, die für die Handlung nicht wichtig sind, echte Hits singen. Das macht auch der delikate, in rustikalen Momenten disziplinierte, homogene Klang des von Tilman Michael einstudierten Chores. Und das macht das Orchester, indem es hochkultiviert dräut, mit guter Kondition voraneilt und all dem Leiden eine geschmeidige, geradezu elegante Grundlage gibt.

Die Inszenierung lässt etwas zwiespältiger zurück, aber eigentlich nur, weil Tobias Kratzer gegen seine Gewohnheit (so kam es uns bisher vor) der Oper selbst manchmal die Luft zum Wirken nimmt. Er hat jedoch – wie immer zusammen mit dem Ausstatter Rainer Sellmaier und erneut mit Manuel Brauns Videos – einen Plan und verfolgt ihn rigoros, woran man sieht, dass er den gleichermaßen rigorosen Figuren und der rigorosen Atmosphäre des Werks auf den Fersen ist. Er trägt dem Ungewöhnlichen, Disparaten und Kruden Rechnung. Und der im Libretto nie aus dem Auge geratenden Tatsache, dass die Quelle des Hasses rassistisch ist. Alvaro ist Mestize, seine Mutter war eine Inkaprinzessin, der spanische Vater ein Unabhängigkeitskämpfer, so dass es einen spanischen Adligen auch politisch grausen muss. Aber vor allem macht seine Hautfarbe Alvaro zum Hassobjekt. Für Carlo, der ihn mit dem Thema immer wieder provoziert. Für den Routinerassisten und Geistlichen Melitone, prägnant, aber nicht karikierend gesungen und gespielt von Craig Colclough. Kratzer indes macht das zum Ausgangspunkt einer Zeitreise durch die Geschichte Amerikas, nicht nur aus seiner Sicht untrennbar verknüpft mit einer Geschichte des Rassismus.

Die Ouvertüre bietet in kurzen Foto- und Filmeinblendungen erste Einblicke. In einem schneeweißen, sozusagen unverbindlichen Kasten geht es dann von Bild zu Bild voran (oder zurück, zeitlich jedenfalls immer voran). Noch im „Vom Winde verweht“-Ambiente kommt es zum fatalen Schuss. Hier doppelt an der Rückwand ein aufwendig gemachter, teils eindrucksvoll besetzter Stummfilm die Szene, in der die Darsteller die „richtige“ Hautfarbe haben. Für Bühnen zwar eine relevante Frage (dürfen nur „Schwarze“ „Schwarze“ spielen?), im Geschehen aber eine Ablenkung, allerdings – so wird es fast immer sein – eine, die munter macht. Tatsächlich kann der Eindruck entstehen, ein nicht nur individuelles Drama zu erleben, sondern eines, das sich immer wieder so abspielt. Der Film gäbe dann das Muster vor.

In einem Playmobil-Saloon treffen sich kurz darauf kleine dumme Cowboys mit großen Köpfen. Leonora auf der Flucht kann sich leicht unter ihnen verstecken. Als sie den Kopf absetzt, sehen sie und Preziosilla, die hier platinblonde, eiskalt verführerische Tanja Ariane Baumgartner, einander interessiert in die Augen. Zwei Menschen (Frauen) unter stumpfen Schwellköppen.

Bereits im nächsten Bild findet sich Leonora, jetzt im schlichten hellblauen Kleid, es mögen die 1950er Jahre sein, in einem evangelikalen Gottesdienstsaal wieder. Die Figuren staunen darüber ja nicht, aber dieser Moment ist einer, in dem einen das Verrasen der Zeit – und die drei irren weiter umher, derselbe Hass, dieselbe Not – packen kann. Dass die erste Begegnung mit dem biederen, hier charakterlich nicht einwandfreien Prediger Guardiano, Franz-Josef Selig mit seinem samtigen Bass (den er auch Leonoras Vater geliehen hat), in einem Ku-Klux-Klan-Aufmarsch endet, gehört zu den forcierteren Eingriffen. Es steigert freilich auch Leonoras berechtigtes Unbehagen, während die Musik süßen Weltabschied feiert.

Das Feldlager des dritten Aktes wurde in Vietnam aufgeschlagen. In der Schlacht schwirren die Silhouetten von Kampfhubschraubern vorüber, und Preziosilla, inzwischen ein freizügiges Bunny, fliegt zur Truppenunterhaltung ein. Aber Krieg ist kein Spiel. Während Baumgartner scharf und makellos das „Rataplan“ anstimmt, lässt sie – böseste Szene an einem an bösen Szenen nicht armen Abend – ein verängstigtes Grüppchen Vietnamesen vorführen und spielt am Kopf eines Mannes Russisches Roulette. Schließlich zwingt sie einen verängstigten schwarzen Soldaten, den Mann zu erschießen.

Der vierte Akt verbindet die mildtätige Klosterarbeit wiederum genial und adäquat mit einer Tafel in den Obama-Jahren. Wie sich der Chor hier als moderner Unterschichtenpulk zur Essensausgabe vorarbeitet, demonstriert nebenbei, mit welchem handwerklichen Geschick Kratzer zu Werke geht.

Der Petersburger Schluss, wieder mit Filmdoppel: Drei Tote, aber Don Alvaro bekommt nicht die Gelegenheit, in eine Schlucht zu springen, sondern wird von Padre Guardiano und Melitone, die inzwischen bei der Polizei angefangen haben, kurzerhand erschossen. Ein lebender Schwarzer neben zwei toten Weißen, da sehen diese beiden US-Polizisten offensichtlich wenig Ermittlungsbedarf. Zum düsteren Verklingen der Musik wird rasch die Vertuschung eingefädelt. Auch dies ein Eingriff, dem man skeptisch gegenüberstehen muss, der aber von der Macht des Schicksals handelt und wie diese, wir haben verstanden, menschgemacht ist.

So kann man sich über völlig verkopfte Ideen wundern – wenn während Melitones Bußpredigt im untertitelten Video auch Martin Luther King spricht – und doch immer wieder mitreißen und anregen lassen. Andere buhten lieber das Regieteam aus, während die musikalische Seite vom Premierenpublikum einhellig bejubelt wurde. Als hätte das eine mit dem anderen gar nichts zu tun gehabt, was in mehrfacher Hinsicht nicht stimmt.

Termine

Oper Frankfurt: 31. Januar, 3., 7., 9., 15., 17., 23., 28. Februar.

www.oper-frankfurt.de

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