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Kopfstehen und viele Fragen stellen: Szene aus ?Jetzt aber anders?. Foto: Jessica Schäfer

Schauspiel Frankfurt

Den Vater weinen sehen

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Der integrative Jugendclub will „Jetzt aber anders“ sein – und ist dabei unbedingt erfolgreich.

Jetzt aber“ ist eine Ermunterung, und sei es auch, der Mensch sagt es zu sich selbst. „Jetzt aber anders“ ist ebenfalls eine Ermunterung, deren letztes Wort sich gleichsam von selbst ergibt in einer integrativen Aufführung des Jungen Schauspiels Frankfurt: Die Beteiligten müssen eine Theateraufführung von Anfang an ein wenig anders angehen. Sei es, dass einer den anderen fürs Publikum übersetzt, sei es, dass einer dem anderen hilft, eine Aufgabe zu erledigen. Theaterpädagogin Martina Droste hat einmal mehr Mut und Richtung gegeben, die zwölf jungen Leute haben die Herausforderung aber auch angenommen. Alexandra Scibor half bei Konzept und Choreografie.

Jeder der zwölf Mitwirkenden gibt Dinge preis über Leben und Befindlichkeit; man versteht, wie schwer das sein muss, auch wenn immer wieder einer der Kollegen das Erzählen übernimmt.

Milad hat seinen strengen Vater zum ersten Mal weinen gesehen, nachdem seine Eltern beschlossen hatten, dass er Afghanistan verlassen und nach Europa gehen soll. Auch Rezwan wurde einfach weggeschickt: „Ich habe gar nichts entschieden.“ Eine Schulfreundin von Nike hat sich das Leben genommen. Bennie „mit dem Chromosomenschaden“ wurde gemobbt, jetzt aber singt er „Auch im Regen“ von Rosenstolz. Selin muss Wut rauslassen. Sophie hat nach der Trennung der Eltern ein „politisches Zuhause“ gefunden. Und Felicitas möchte einfach gern wissen, „warum Menschen über rote Ampeln laufen“.

So wird jeder mal vorgestellt, so gibt es aber auch vielstimmige Frage-Szenen – „gibt es Freiheit ohne Mut?“, „Was ist und wie geht eigentlich normal?“ –, gemeinsames Simsaladimbam-Singen („Auf einem Baum ein Kuckuck“) und gemeinsames Zeichnen. Die Zeichnungen werden aufgehängt und, wo notwendig, erklärt. Felicitas hat durchgestrichen, was ihr nicht gefällt.

„Wir wollen uns nicht den Mund verbieten lassen!“ Die Aufführung macht 70 Minuten lang und mit einerseits erstaunlich geringen Mitteln, andererseits einer erheblichen Energie der Beteiligten genau das klar. Man versteht, dass die aufmüpfigen wie berührenden Geschichten, das Überlegte wie Trotzige, das Kopfstehen wie Bockspringen wie zornige Luftboxen aus den jungen Leuten kommt, auch wenn Regisseurin Droste und Choreografin Scibor beim Herausholen der Gedanken und Gefühle sicher tüchtig geholfen haben.

Einmal mehr ist das in einem integrativen Projekt des Schauspiels ohne Peinlichkeit und mit Respekt gelungen. „Jetzt aber anders“ kriegt die Lebenswirklichkeiten dieser jungen Menschen zu fassen, es kriegt aber auch die Aufmerksamkeit jener zu fassen, die im Zuschauerraum der Kammerspiele sitzen und die man voreilig „normal“ nennt.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 15. Dezember, 17. Januar. www.schauspielfrankfurt.de

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