Andrzej Wirth

Vater der Postdramatik

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Der Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth ist tot.

Ein großer Lebenslauf ist am Sonntag zu Ende gegangen. An dem Tag starb nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 91 Jahren der polnisch-deutsche Gelehrte Andzej Tadeusz Wirth, das meldet das Fachblatt „Theater der Zeit“: Aus dem Enkel eines galizischen k.u.k.-Bahnbeamten, dem Sohn einer verbannten polnischen Adligen und eines Stabsoffiziers der polnischen Exilregierung, wurde ein viel bewunderter und heiß umstrittener Theatererneuerer. Wirth, geboren in Wlodawa, an der heutigen Grenze zwischen Polen und Weißrussland, dessen Familie von den Gutshofbediensteten vor dem KZ gerettet wurde, studierte in Lodz und Warschau, lebte von Übersetzungen und promovierte über Brecht. In der Folge lebte er 1956 bis 58 auf Einladung des Berliner Ensembles in Berlin, gründete in Polen die später verbotene Avantgarde-Zeitung „Nowa Kultura“, schloss sich der Gruppe 47 an und reiste in den 60ern in die USA aus.

Seit 1966 lehrte Wirth an den Spitzen-Universitäten Stanford, Havard, Yale und Oxford, bevor er nach Berlin an die FU kam. Die Möglichkeit, ein eigenes Institut zu gründen, ließ ihn 1982 zur Universität nach Gießen wechseln: Die Angewandte Theaterwissenschaft ward aus der Taufe gehoben. Zusammen mit Hans-Thies Lehmann prägte er den etwas freudlosen Begriff des postdramatischen Theaters, der von vielen Theaterliebhabern bis heute als Widerspruch verstanden wird.

Mit einem nicht unbedingt glamourösen, aber doch sehr selbstbewussten Auftreten haben viele Absolventen dieser Schule die Fördertöpfe der Kulturpolitik und die deutschen Bühnen erobert: Von dem Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger über die Experten von Rimini Protokoll, die Bühnenfeministinnen von She She Pop bis hin zu René Pollesch, der als einzig würdiger Nachfolger des Volksbühnenintendanten Frank Castorf gehandelt wurde – unter anderem deshalb, weil er fröhlich seine Sinnkrisenkunst machte, ohne selbst solchen Krisen anheimzufallen. Pollesch bezeichnete sich in einer Laudatio auf seinen Lehrer als Teil von dessen Lebenswerk. Wirth bedankte sich und archivierte den Begriff des postdramatischen Theaters. „Die instrumentellen Begriffe sind nur so lange dienlich, wie sie prognostisch bleiben.“ Das Theater sei heute vom Drama abzukoppeln und ein Begriff zu finden, der sich vom Spiel ableite. Das war vor über zehn Jahren, man hätte ihn ein weiteres Institut gründen lassen sollen.

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