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Urban Priol mit „Tilt!“ in der Jahrhunderthalle: Routinierter Rundumschlag

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Von: Stefan Michalzik

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Kabarettist Urban PriolDer Kabarettist Urban Priol gestikuliert während eines Auftritts.
Der Kabarettist Urban Priol gestikuliert während eines Auftritts. © dpa/(Archivbild)

Urban Priols satirischer Jahresrückblick „Tilt!“.

Für ein paar Momente ist das sozusagen Generationskabarett. Ein Großteil des Publikums im beinahe vollständig besetzten Saal der Frankfurter Jahrhunderthalle gehört der Generation der Babyboomer an – auch der Mann auf der Bühne mit seinen Merkzeichen Sturmfrisur und Weizenbierglas. Urban Priol zieht Vergleiche zwischen der Protestkultur in den 1980er Jahren und heute. Proteste gegen den Bau der Startbahn West, gegen die Nutzung von Atomkraft und gegen den Nato-Doppelbeschluss – „alles ohne Kleber“, man hat sich einfach von der Polizei wegtragen lassen. Ein sicherer Lacher, na klar.

Pointe um ein Stück Zucker

Etwas tiefer lässt eine Pointe zum Thema Impfpflicht blicken. Wer in den 60er und 70er Jahren in Westdeutschland aufgewachsen ist, kann sich erinnern an – ohne viel Aufhebens – an den Schulen durchgeführte Impfungen gegen Pocken und, zum Schlucken via Zuckerwürfel, gegen Polio. Bei Reihen-Röntgenuntersuchungen in Sachen TBC kam keine Diskussion über die Strahlenbelastung auf. Die heutigen Helikoptermütter indes würden schon des schädlichen Zuckers bei der Schluckimpfung wegen Sturm laufen. Da wird anhand eines recht simplen Gags unterschwellig etwas deutlich gemacht; einen grundlegenden Wandel der Einstellung nicht weniger Bürgerinnen und Bürger zum Staat und seinen Institutionen. Anders als heute wurde auch in der Zeit der antiautoritären Revolte an den Universitäten im allgemeinen noch unhinterfragt gemacht, was verordnet worden ist.

Ansonsten ist viel Solokabarettroutine an diesem Abend mit „Tilt!“, Urban Priols satirischem Jahresrückblick, dessen Jahrgänge 2020 und 2021 ausgefallen sind. Der Aschaffenburger mit der fränkisch-dialektalen Färbung steht für jene Sorte Kabarett, in dem viele Politikernamen fallen und die Protagonist:innen parodiert werden. Ein großer Rundumschlag, dessen Schwerpunkte unter anderem auf dem Krieg in der Ukraine, der unzureichenden Klimaschutzpolitik sowie dem Heraufbeschwören einer andauernden Corona-Gefahr durch „Panik-Kalle“ liegen.

In sich ist das durchaus rund im Sinne eines souveränen Handwerks alter Schule. Das Publikum sieht sich reichhaltig bedient. Es ist wohl dem Zustand der christdemokratischen Oppositionspartei zuzuschreiben, dass ihr mit den häufig abstrusen Äußerungen kaum weniger Aufmerksamkeit zukommt wie den Regierungsparteien.

Das ist alles leidlich amüsant und nicht ernstlich erkenntniserweiternd. Unterhaltung, formvollendet – dabei erinnert man sich, dass es Kabarettisten wie den verstorbenen Matthias Beltz oder Matthias Deutschmann gibt oder gegeben hat, die mit ihrem eher philosophischen und im Falle Deutschmanns nachdenklichen Ansatz diese Routine hinter sich gelassen haben.

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