Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Dzuna Kalnina als Frau, die nach Davos will. Foto: Kammeroper Frankfurt
+
Dzuna Kalnina als Frau, die nach Davos will.

„Der Titel – Die Reise nach Davos“

Uraufführung mit der Kammeroper Frankfurt: Eine Frau will nach oben

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Die Kammeroper Frankfurt packt uns mit der Monooper „Der Titel“.

In „Der Titel – Die Reise nach Davos“ geht es nicht nur darum, dass eine ehrgeizige junge Frau sich unbedingt Zugang zum Weltwirtschaftsforum verschaffen will, weil sie sich davon einen Schub in Richtung Doktortitel erhofft. Darum geht es aber auch und in erster Linie. Das Schmalspurige ihres Konzepts ist armselig und bedrängend – dahinter, begreift man später, steckt eine Vatergeschichte –, aber da schmalspurige Konzepte eines der Grundprobleme der Menschheit sind, ist die Ausgangslage zwar bizarr, jedoch keineswegs irreal.

Die psychologische Nobilitierung des Problems wäre dafür nicht nötig, auch nicht das erklärte Konzept, hier zeige sich einmal eine nach Freiheit dürstende Opernheldin, die nicht bereit sei zu sterben. Es stimmt zwar, dass die Sterblichkeit unter nach Freiheit dürstenden Sopranistinnen auf der Opernbühne sehr hoch ist, aber letztlich gilt das auch für Tenöre. Die Oper läuft ihrer Natur gemäß auf den Tod hinaus, und vor allem die höheren Stimmlagen rafft er hinweg. Und sie kann – ist das in diesem Zusammenhang nicht sogar wesentlicher? – von absolut allem erzählen, auch von einer jungen Frau, die zum Weltwirtschaftsforum nach Davos will, als hinge ihr Leben davon ab.

Werfen wir also den zusätzlichen Ballast ab, den die Frankfurter Kammeroper anbietet – gewiss um uns anzuregen, nicht um uns abzulenken – und finden wir uns für eine gute Stunde im Kopf einer Frau wieder, die im Tunnel ihres Lebensplans feststeckt.

„Der Titel – Die Reise nach Davos“ ist eine Monooper, im Auftrag getextet und komponiert von Stanislav Rosenberg und nach langen Corona-Verzögerungen jetzt endlich im Saal der Unitarischen Gemeinde unter der Regie von Rainer Pudenz uraufgeführt. Rosenberg, 1976 in Odessa geboren, hat im Monodramatischen das perfekte Mittel für seinen Zweck gefunden, wie wir aus Francis Poulencs „La voix humaine“ oder Arnold Schönbergs „Erwartung“ wissen. Das In-die-Situation-Verkrallte, das Vernagelte findet im antwortlosen Weiterreden/-singen zur vollen Blüte.

Auch Rosenbergs Figur telefoniert viel, ist dabei aber vor allem am Reagieren, die Ja-Ja- und Nein-Nein-Ströme sind wunderbar auskomponiert. Wie Rosenberg insgesamt nicht nur den opernhaft tragischen Stress der jungen Frau im inneren Monolog musikalisch voll zu packen bekommt. Auch für das Verspielte hat er einen Sinn, für die Töne auf der Handy-Tastatur, für das Klingelzeichen, auch für das zynische, hysterische, sich anbiedernde Gelächter: keine Späßchen, eher groteske Volten in einem Albtraum. Und es ist das Hier und Jetzt, das sich in der Musik spiegelt, die Rosenberg souverän aus den Mitteln des 20. Jahrhunderts schöpft.

Der Komponist sitzt selbst am Klavier, der Klarinettist Matyas Abraham an seiner Seite. Der Saal: eine gediegene Umgebung für eine Frau, die das „System“ vorerst in schöner Harmonie anbetet. Frank Keller hat einen Eisenbahnsitz besorgt, auch ein überdimensionaler Globus demonstriert, dass es ums Große und Ganze geht, aber vor allem demonstriert das die Sängerin: Dzuna Kalnina ist die Frau, die sich voll reinschmeißt, die fokussiert ist bis zur Gesichtsentgleisung, eine Art fanatisierte Heidi Klum, die virtuos singt und sprechsingt, die Stimme hochschraubt und nach unten fallen lässt und ächzt und wispert. Das alles sie doch berühmt machen, aber sie will bloß den verdammten Doktor in Wirtschaftswissenschaften. Sie ist aber keine Karikatur, sondern die reine Hingabe. Der Moment, in dem sie begreift, dass der Professor sich mit ihr bloß einen netten Abend machen will: Dzuna Kalnina zeigt in einem staunenden Blick, wie ein Lebenskonzept zusammenstürzt.

Es ist eine gute Idee, dass der Schauspieler Harald Mathes als stummer Mann aufkreuzt. Auch als Frauengraus in Leopardenunterwäsche (Kostüme: Katrin Stubbe). Die Frau bildet sich das schließlich nicht alles nur ein.

Kammeroper Frankfurt in der Unitarischen Freien Religionsgemeinde: 25., 27., 29. September. www.kammeroper-frankfurt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare