+
Sina Martens als Desdemona, Ingo Hülsmann als Othello am Berliner Ensemble.

Shakespeare

Thalheimer inszeniert Othello mit Sex unter Trommelgedonner

  • schließen

Nach „Macbeth“ der nächste Shakespeare von Michael Thalheimer: „Othello“ am Berliner Ensemble.

Ein Schlagzeug hämmert in finsterer Leere einen erst langsam schreitenden Viervierteltakt. Es wird lauter, schneller und kommt aus dem Rhythmus, bis es sich zu einem wildem Trommelorgasmus steigert und abbricht (am Instrument: Ludwig Wandinger). Damit ist alles erzählt. Der Regisseur und Freizeitschlagzeuger Michael Thalheimer hat keine fünf Monate nach „Macbeth“ seinen nächsten Shakespeare im Berliner Ensemble abgeliefert: „Othello“. Parallel zum Getrommel stolziert der nicht mit schwarzer, sondern mit roter Farbe übergossene nackte Ingo Hülsmann in der Titelrolle an die Rampe, präsentiert seine feucht glänzende Pracht vor dem Publikum. Es folgt Sina Martens, ebenfalls nackt, ebenfalls übergossen, aber mit weißer Farbe, die ihr noch von den Händen tropft: Desdemona.

Die beiden schnappen nacheinander, mit ihren Mündern, ihren Extremitäten, mit den Körpermitten, als wären sie ausgehungert und müssten einander so schnell wie möglich verschlucken. Sehr ernste, freudlose und unheilvolle Sache unter Trommelgedonner.

Die Farbe der Leiber mischt sich – das soll sicher an Peter Zadeks berühmte „Othello“-Inszenierung mit Ulrich Wildgruber und Eva Mattes erinnern, hier schmierte der schwarz geschminkte Mann die weiße Frau voll. Ein Regieeinfall von 1976.

Thalheimer schminkt die handelnden Figuren weiß

Aber mit Schwarz macht man das heute nicht mehr. Thalheimer schminkt stattdessen die handelnden Figuren, bis auf die titelgebende, weiß – und stülpt dem grau gekleideten, angewidert brüllenden Chor weiße Kissenbezüge über die Köpfe. Als Blackfacing, also als rassistisch geltendes Schwarzschminken von weißen Schauspielern, kann man das strenggenommen nicht bezeichnen, aber natürlich wird die Debatte mit auf die Rampe geklatscht. Schließlich war es Thalheimers Dea-Loher-Inszenierung „Unschuld“ (2011), nach der die Diskussion eskalierte, mit dem Ergebnis, dass die Spieler statt schwarzer, weiße Schminke verwendeten.

Nun also rot. Im Programmheft finden sich entsprechende Aufsätze von Achille Mbembe und Slavoj Zizek sowie ein Gedicht von dem dunkelhäutigen Psychiater Frantz Fanon (1925-1961): „Ich vermähle mich mit der weißen Kultur, der weißen Schönheit, der weißen Weiße. In diesen weißen Brüsten, die meine allgegenwärtigen Hände streicheln, mache ich mir die weiße Zivilisation und Würde zu eigen.“ 

Bei Thalheimer bleiben nur noch Sexualität und Todestrieb übrig

Auf der Bühne interessiert das weniger, da geht es um Allgemeineres. Also zurück zu der rot-weißen Rampennummer, die sehr explizit klatscht und spritzt, sodass man mit den Gedanken bei den Schauspielern ist. Die Figuren, die hier ihre inneren und äußeren Körpersäfte mischen, werden nicht nur auf äußerliche Farbunterschiede, auf die Spannung von gesellschaftlicher Zuschreibung und individueller Liebe reduziert. Bei Thalheimer bleiben nur noch Sexualität und Todestrieb übrig.

Irgendwann kriegt man das Bild nicht mehr aus dem Kopf: Der rote Macho ragt als dauererigierter Brüllpenis in die Finsternis der leeren Bühne (zwischenzeitlich kommt ihm aus weithin bekannten Eifersuchtsgründen das Stehvermögen abhanden), die weiße Frau fliegt ihm als eine personifizierte Wonnevulva zu, aus der es gierig züngelt. Gespuckt wird auch viel. Mindestens sieben Rotzfladen klatschen an diesem Abend auf die rohen Bretter (Bühne: Olaf Altmann) und einmal auch ins Kollegengesicht. Gut, Augen haben diese überspannten Genitalgestalten auch, aber die sehen nichts, sondern verdrehen sich vor Lust und tropfen später dann vor Schmerz. Und aus den durchtrainierten Schauspielermündern dringt gar nicht mal so wenig hochgezüchteter Shakespeare-Text, mit seiner von dem Geschehen auf der Bühne unabhängigen Wucht und Gerissenheit. Die Sprache, so lernen wir, stört.

Besonders in Form der diabolischen Einflüsterungen von Jago (Peter Moltzen) pfuscht er in die als rein körperliches und unbezähmbares Bedürfnis erzählte Liebe. Das nächste Mal versuchen sie es vielleicht einfach ohne Shakespeare, aber unbedingt mit Schlagzeug und Farbe.

Berliner Ensemble: 18., 25. April, 2., 3., 10. Mai. www.berliner-ensemble.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion