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Mime und der Wanderer verstehen sich nicht schlecht.

Oper Chemnitz

Unter Mördern

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Sabine Hartmannshenns lebhafter „Siegfried“ in Chemnitz.

Richard Wagners Ring an der Oper Chemnitz erreicht den dritten Teil, und nach dem geglückten „Rheingold“ von Verena Stoiber und der etwas uninspiriert wirkenden „Walküre“ von Monique Wagemakers empfiehlt sich Sabine Hartmannshenns „Siegfried“ als spannendes Unterfangen. Möglicherweise hat die Besucherin weiter ein Unbehagen gegen das Grundkonzept, einen gemischten Ring bewusst vier Frauen inszenieren zu lassen, während sonst unbewusst vier Männer engagiert werden – und dem „Normalen“ also das „andere Geschlecht“ gegenüberzustellen und Frauen als Frauen einzusetzen, während Männer unbestaunt als Individuen Dings und Bums tätig werden. Andererseits ist es nicht der Fehler des Chemnitzer Hauses, dass das Theater nicht die Beste aller möglichen Welten ist. Und es gibt Grund, neugierig zu sein. Siegfried, Wagners heikelster Held.

„Siegfried“ ist lang und neigt zum Disparaten. Vor dem lachenden Tod im tristanischen Liebesduett soll eventuell auch das Publikum lächeln über Siegfrieds kernige Späße und Mimes glücklose Schurkereien, aber das Publikum kann darüber ebenso gut in Verlegenheit geraten. Nicht nur, weil der wohlgestaltete junge Mann intellektuell untere Schublade ist. Er muss außerdem auch singen wie ein Gott, dabei aber Actionszenen absolvieren, mehrere Morde begehen und herumpöbeln. Seiner handwerklichen ad-hoc-Glanzleistung steht Sachbeschädigung gegenüber. So dauert es, wie gesagt, eine Weile, bis er den Fels erklimmt und feststellt, dass die ihm bereits mehrfach angekündigte Frau tatsächlich eine Frau ist. Damit hat er nicht gerechnet, das wirft ihn um.

Vielfältig die Versuche, dem Szenischen durch Abstraktionen beizukommen. Bemerkenswert, wie unmittelbar Hartmannshenn in den Kern des Geschehens vorstößt und ihn unverdrossen bebildert, ohne dass man sich zu sehr genieren müsste. Eigentlich geniert man sich gar nicht. Eigentlich erlebt man mit, wie „Siegfried“ als romantische Oper funktionieren kann, wozu in Chemnitz die Robert-Schumann-Philharmonie beträchtlich beiträgt.

Dirigiert von Felix Bender, entwickelt sie einen empfindsamen, detailreichen, dabei üppigen Gesamtklang, eine nicht schüchtern vorgetragene Wohltat für die Sänger, die sich – phänomenal schon in den ersten beiden Teilen – fast durchweg glänzend präsentieren können. Lieb ist das jedoch nie, sondern nicht nur durch die fulminante Tuba pechschwarz grundiert. Auch die Regisseurin verharmlost nichts, gerade weil sie direkt erzählt und eben auch zu Ende erzählt. Diese Männer sind Mörder, erzählt sie. Frauen haben unter Umständen eine zivilisierende Wirkung, erzählt sie.

Vor dem ersten Ton sieht man bereits, dass Mime Sieglinde umgebracht, ihr das Kind Siegfried aus dem lebendigen Leib geschnitten hat (hui, wie besonders scharf und böse klingt es darum nachher, wenn der prächtige Arnold Bezuyen dem Waisen seine Version der Geschichte erzählt). Siegfried selbst ist kein Bärenzähmer, sondern ein Bärentöter. Riesig dazu die Bärenpuppe zwischen den waldartig angeordneten rechteckigen Säulen des schlichten, etwas engen, aber gut zu benutzenden Bühnenbildes von Lukas Kretschmer. Wanderer Wotan, der indianisierend ausgestattete, markant singende Ralf Lukas, wird sich später nicht damit begnügen, das goldige Waldvögelein, Guibee Yang, von seinen Raben jagen zu lassen. Er selbst erwürgt es beiläufig. Jene irritierende Einigkeit unter Schurken verbindet Wotan und Mime in der (nicht zuletzt dank eines Tischlein-deck-Dichs von oben) großartig gespielten Wissenswette und ebenso Wotan und Alberich, den Stimmriesen Bjørn Waag. Letzterer vergewaltigt im Vorübergehen eine Statistin und hat seinen Sohn Hagen dabei, der als Kind sehen und hören kann und soll, was ihm in der „Götterdämmerung“ noch nutzen wird (keine neue Idee, aber immer wieder schön).

Hartmannshenn greift vor und auch zurück, überhaupt tummeln sich im Säulenwald mehr Figuren als vorgesehen. Teils ist das sinnig, teils wirkt es, was die Statistenschar betrifft, optisch etwas ungeschickt. Das könnte auch an den irgendwie beliebigen Kapuzenpullis der sonst klassischen und bekömmlichen Kostüme von Susana Mendoza liegen. Dass der schmucke Siegfried partout sein Jäckchen überm Bäuchlein nicht zuknöpfen mag, ändert sich erst, als er die feenhaft gekleidete Brünnhilde kennenlernt. Auch Wotan wird zivil, wenn er sich zu Erda gesellt, der breit und warm aussingenden Altistin Simone Schröder. Sie wird übrigens lapidar abgehen, als sie begreift, wie Wotan die gemeinsame Tochter behandelt hat. Recht hat sie.

In der Chemnitzer Akustik, von diesem hypersensiblen Orchester getragen entwickelt sich geradezu ein Sängerfest, angeführt vom Titelhelden Daniel Kirch, der einen sympathischen Simpel zeigt und ein grandios kraftvolles, dabei mit zarten Tönen versehenes, schier unerschöpfliches Rollendebüt bietet. Überraschend und gewagt allein der Einsatz von Christiane Kohl als Brünnhilde, der alles Hochdramatische stimmlich (bisher) abgeht. Als Sieglinde bezauberte noch die Jugendlichkeit ihres Soprans, jetzt aber wünscht man sich, wer hätte das gedacht, alte Schlachtrösser herbei.

Theater Chemnitz: 10. November. Am 1. Dezember „Götterdämmerung“- Premiere. Erster Ring-Durchlauf vom 5. bis 26. Januar, zweiter dann sehr kompakt über Ostern, 18. bis 22. April. www.theater-chemnitz.de

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