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Die Schuldirektorin und ihr Mann.

Theater aus dem Iran

Und unter der frischen Farbe der Märtyrer-Spruch

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Amir Reza Koohestanis stilles, diskretes Theaterstück „Summerless“ im Frankfurter Mousonturm.

Im September ist Schulbeginn. Im Oktober fehlt der Schule Geld. Im November ist „Tünchen“ angesagt, im Sinne von „Übertünchen“. Im Dezember springt die Nebelmaschine an und sorgt optisch für Luftverschmutzung. Bis einschließlich Mai hat so jeder Monat sein Motto in Amir Reza Koohestanis Theaterstück „Summerless“, nur eben Juni, Juli, August sind ausgespart. Das Stück ist sommer-, sonnen-, freudlos. Stattdessen eine stille, zurückhaltende Erzählung über einen Verdacht, der auf einen Lehrer fällt. Freilich ein viel zu kleiner Verdacht für das große Wort Missbrauch.

Es passiert gar nicht viel, einiges im Leben der Figuren dreht sich im Kreis wie das simpel metallene Kinderkarrussell, das mitten auf der Bühne steht. Der Lehrer für Kunst – und fürs Wände neu anstreichen – ist der einzige Mann an der Teheraner Mädchengrundschule und so manche Schülerin himmelt ihn an. Vor allem wohl eine Siebenjährige, die Mutter kommt zur „Aufseherin“ (Direktorin), um sich zu beschweren. Der Lehrer ist der Mann der Direktorin, in der Ehe scheint es schon länger zu kriseln, man streitet sich um den Kauf der Wandfarbe und ob die Farbe zu sehr verdünnt wurde. Denn unter einem neuen Bild ist als Schatten noch das Märtyrer-Zitat sichtbar, das dort stand. Es bleibt offen, was passieren kann (der Schuldirektorin, ihrem Mann), wenn sich jemand beschwert, dass ein Märtyrer-Zitat übermalt wurde.

Drei Schauspieler – Mona Ahmadi, Saeid Changizian, Leyli Rashidi – kommen in unterschiedlichen Konstellationen auf die Bühne des Frankfurter Mousonturms, wo „Summerless“ jetzt gastierte, und sie tun kaum mehr als zu reden. Meist vorsichtig, höflich, manchmal wird man kurz laut. Links oben läuft die deutsche Übersetzung aus dem Farsi. Hinter den Akteuren verändert sich eine Videowand (Shahryar Hatami) mittels unsichtbarem, virtuellem Pinsel, wenn der Künstler/Maler arbeitet.

Es geht hier um Nuancen. Um Grenzen, aber sie sind verschwommen. Hat der Lehrer die 7-Jährige ein wenig anders behandelt als die anderen? Warum hat sie sich so in ihn verliebt, dass sie ihm, als er wegzieht, hinterher reisen will? Warum will sie dann das Haus nicht mehr verlassen und nicht essen? Der Arzt sagt doch, ihr fehlt nichts.

Koohestanis „Summerless“ ist minimalistisch und monochrom. Nichts Spektakuläres passiert. Aber sicherlich vermögen iranische Zuschauer besser zwischen den Zeilen zu lesen, wissen sie zum Beispiel, was es nach sich ziehen kann, einen Märtyrer-Wandspruch zu übermalen. Sicherlich gibt es Anspielungen in Amir Reza Koohestanis behutsamem Text. Der unkundige Zuschauer nimmt sie höchstens als vage Bedrohung der Akteure wahr. Es könnte wahrscheinlich etwas Schlimmes passieren, sobald die Mutter des Mädchens nicht mehr ausschließlich mit der Direktorin und dem Lehrer spricht, sobald etwas nach außen dringt. Einmal donnert es leise, ominös. Einmal regnet es. Später schneit es. Nur die Sonne kommt nicht raus in dieser Stadt im Iran.

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