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Königin Tamora in Lust oder Schmerz.
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Königin Tamora in Lust oder Schmerz.

Theater

Unter blinkendem Metall

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Einleuchtend kondensiert: Gießens Tanzchef Tarek Assam choreografiert "Titus Andronicus".

Während die Kollegen in Wiesbaden und Mannheim gerade reizende „Sommernachtstraum“-Versionen choreografierten, hat sich Gießens Tanzchef Tarek Assam für einen grausigen, rachegesättigten Shakespeare-Stoff entschieden: Die Geschichte vom römischen Feldherrn Titus Andronicus, der die Goten-Königin Tamora besiegt und als Gefangene nach Hause bringt – mit ihren drei Söhnen. Den Ältesten lässt er nach alter Sitte opfern. Nun wird Titus’ Tochter Lavinia von den beiden anderen vergewaltigt, die Zunge wird ihr rausgeschnitten, die Hände abgehackt – sie aber schreibt die Namen ihrer Peiniger mit einem Stöckchen in den Sand. Also tötet Titus die zwei Söhne und lässt sie ihrer Mutter bei einem angeblichen Versöhnungsessen vorsetzen... Am Ende sind fast alle tot, auch Titus.

Tarek Assam verschlankt die Handlung und fasst sie plausibel und atmosphärisch dicht in, mit Pause, knapp zwei Stunden.

Ein spektakuläres, sofort einleuchtendes Bühnenbild hat Fred Pommerehn entworfen: Blitzend, kühl und silberhart hängen dicht an dicht Metallteile aus dem Bühnenhimmel, von der Milchkanne bis zur Wäschetrommel. Mal wird alles hochgefahren, mal nur ein Teil. Allemal hat das etwas Martialisches, man denkt auch an Rüstungen. Die Tänzer darunter sind schwarz geschnürt, tragen aber manchmal auch Jeans, kurze Hosen, Titus ein Hemd mit Pistolenholster auf dem Schulterblatt – ein Siegfried, der verwundbar ist. Dem intriganten Aaron, Geliebter Tamoras, hat Kostümbildnerin Gabriele Kortmann ein angeberisches, über der Hose getragenes Suspensorium zugedacht.

Gießens Tanzchef hat die Rolle mit dem Altus Zvi Emanuel-Marial besetzt; passend hinterlistig wirkt er mit, zum Beispiel, Henry Purcells „Music for a while / shall all your cares beguile“ – auch Nattern kommen darin vor. Die oft prächtig kinofilmartige Musik des Abends verantwortet 48nord, das sind Ulrich Müller, Siegfried Rössert und für Gießen der Schlagzeuger, aber auch Regisseur Patrick Schimanski. Es spielt das Philharmonische Orchester unter der Leitung Martin Spahrs.

Dem Stoff entsprechend hat Tarek Assams Choreografie eine gewisse kämpferische Dringlichkeit und Unruhe, nicht ohne die Hauptfiguren mit jeweils eigener Körpersprache zu charakterisieren. Das gelingt besonders beim als Titus fabelhaften Sven Krautwurst, der quick, kantig und als Alphatier auftritt. Er ist der Typ Mann, der es für nötig hält, die vergewaltigte Tochter zu töten, der „Schande“ wegen. Als er versteht, was geschehen ist, lässt Assam ihn wild und hastig, mit vielen Richtungsänderungen und Fußschlenkern hüpfen, einem völlig verwirrten irischen Tänzer ähnlich.

Das Stück braucht kein Kunstblut, um die Schrecklichkeit des Geschehens plastisch zu machen. Caitlin Rae-Crook biegt als Lavinia nur die Hände rechtwinklig ab, schon ist sie eine Versehrte. Aus Tamoras (sehr expressiv: Magdalena Stoyanova) gerade noch forschen, halbstarken Söhnen (Yusuke Inoue, Lorenzo Rispolano) quellen rote Plastikschnipsel – und tauchen als Megawurst auf der Tafel wieder auf. Als lässiger Macho-Punker tritt Saturnius, Iacopo Loliva, auf; Tamora hat keine Mühe, ihn zu verführen. Das sanftlockige Gegenstück ist Lavinias Mann Bassanius, Douglas Evangelista, er überlebt nicht lange in dieser Welt der gewalttätigen, um die Macht ringenden Kerle.

So wie anfangs Titus im Gegenlicht hereinschreitet, so ist es nach dem großen Morden ein neuer, jüngerer Herrscher. Im Bühnenvordergrund baut er ein paar Klötzchen zum Minitempel auf, weitere stellt er zu den und auf die verstreut liegenden Toten. Jedes neue Reich, so macht dieses Bild deutlich, wird auf den Toten des alten errichtet.   Stadttheater Gießen: 24. Februar, 30. März. www.stadttheater-giessen.de 

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