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Der zeitgenössische Tänzer hat es auch nicht leicht: Szene aus "We Was Them".

Tanztheater

Unruhige Träume

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Vorbereitungen auf einen Weltuntergang: "We Was Them" heißt das Stück mit Tanz von Hans Van den Broeck. Der Choreograf lässt seine Darsteller von großer Beunruhigung erzählen.Von Sylvia Staude

Es ist wie bei vielen Tanzstücken: über den Titel oder die Inhaltsangabe sollte man sich als Zuschauer keine grauen Haare wachsen lassen. "We Was Them" handelt laut Programmzettel davon, wie sich fünf Personen "gegen Eindringlinge" wappnen wollen, dann aber erkennen, "dass die Gefahr von innen kommt". Man muss dies gar nicht gelesen haben, um Hans van den Broecks neues Stück dank seiner Bild- und Körpermacht zu verstehen.

Hans van den Broeck war Mitgründer des Künstlerkollektivs Ballets C. de la B. (Contemporaine de la Belgique), hat es 2002 aber verlassen, um eine eigene Company ins Leben zu rufen mit dem Namen SOIT (stay only if temporary). Die für C. de la B. typische Mischung aus Theater und Tanz aber pflegt er weiterhin. Bei "We Was Them", das im Oktober erst in Brüssel Uraufführung hatte und vom Frankfurter Mousonturm (wo es jetzt Station machte) mitproduziert ist, schlägt das Pendel nun ziemlich weit in Richtung Theater aus, mit Bewegungs-Eruptionen zwischendurch.

Die Bühne von Dirk De Hooghe ist entschieden auf Atmosphäre getrimmt: Hinten ein Prospekt, auf dem sich ein gewitterdunkler Himmel über kleinere Industriebauten legt, wie sie sich am Rand von Städten oft langsam ins Grün fressen. Vorn ein schäbiges kleines Schwimmbecken, Herbstblätter treiben auf dem Wasser. Rechts ein paar Räume wie die eines verlassenen Motels. Sich ablösende Tapeten, zersprungene Scheiben, schmuddelige Matratzen, die bei Bedarf rausgeschoben und gekippt werden, so dass wir scheinbar von oben auf die unruhigen Schläfer schauen.

Van den Broeck mischt die Mittel ganz ungeniert in den anderthalb Stunden von "We Was Them". Ein bisschen Puppentheater ist dabei à la Rotkäppchen und der Wolf - ein kleines Mädchen wird von einem Hund massakriert, ein Spielzeugauto rast zu einem einsamen Haus. Slapstick und Pantomime spielen mit - ein Paar, das nasse Kleidung anziehen muss, zittert immer heftiger, bis die beiden wie Roboterchen ruckeln. Einer gibt den Psychoguru und feuert die anderen an, sich durch zuckende Seile zu "kämpfen" - was diese in immer neuen Bewegungs-Variationen tun.

Wenn man Schubladen liebt, könnte man "We Was Them" als post-post-modernes Theater bezeichnen (oder schon post-post-post?): Der Fundus, der in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten vor allem von Tanzkünstlern angelegt wurde, wird nach Gusto und mit großer Selbstverständlichkeit benutzt, ohne dass damit eine Aussage über die Kunstform Tanztheater gemacht werden soll.

Es geht Van den Broeck, wie auch in dem Vorgängerstück "En Servicio", um ein Thema, dann sucht er sich die Darstellungsformen dazu. Vermutlich sucht er sie gemeinsam mit seinen Darstellern, das ist gute alte C.-de-la-B.-Sitte. Robert Clark, Ivan Fatjo, Harold Henning, Anthea Lewis und Anuschka Von Oppen müssen ein recht rabiates Bewegungstheater aushalten, symbolische Ringkämpfe, Untertauch-Aktionen.

Vögel wie bei Hitchcock attackieren diese Menschen. Oder ihre Zerrissenheit treibt sie dazu, Kruscht quer über die Bühne zu schleudern. Selbst die Party, die sie mal feiern, mit netter Musik und einem Bierchen, läuft aus dem Ruder, sie arbeiten sich aneinander ab wie planlose Kampfsportler und am Ende stehen sie am Wasserbecken, bellen und knurren.

Vorbereitungen für einen kleinen Weltuntergang - mucken die Tiere schon auf? - scheinen da zu laufen, aber erfolgreich kommt einem dieses Training nicht vor. Immer wieder landen die Akteure auf der Matratze, dort haben sie keine guten Träume. Man ist mit ihnen beunruhigt - und das dürfte genau das sein, was Hans van den Broeck wollte.

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