Im Wahn: Daniel Scholz mit Gabriele Drechsel und Judith Niederkofler im Darmstädter „Peer Gynt“. Foto: Isabel Winarsch

Staatstheater Darmstadt

Unheilbare Hysterie

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Christoph Mehler zeigt Ibsens „Peer Gynt“ zupackend und ohne den Härten der Zärtlichkeit auszuweichen.

Peer Gynts Lügengeschichten entpuppen sich in Darmstadt als Reisen in den Wahnsinn. Die Lichtstimmung ändert sich, und die Bühne wandelt sich zum Wimmelbild. Das Reich der Trolle funktioniert dann wie von Hieronymus Bosch erschaffen, teuflische Gestalten wuseln umher, zelebrieren deftige Bräuche und fallen über Peer her wie Motten übers Licht. Immer wieder kommt es zu diesen eindringlichen Massenszenen, bei denen außer den Schauspielern und Schauspielerinnen auch ein Ensemble aus Bürger- und Bürgerinnen seinen großen Auftritt hat. Sie verkörpern die Gyntschen Dämonen vielgestaltig und eindrücklich.

Peer Gynt selbst ist bei Daniel Scholz ein Allerweltskerl mit Feinripp unterm H&M-Hemd. Einer, der sich mit den Handicaps der Männlichkeit ebenso sehr auskennt wie mit unteilbarer Mutterliebe. Ein Mann, wie er im Buche und im Leben steht. Einer, der sich nimmt, was ihm gefällt, aber eben auch einer, dem die Wirklichkeit abhanden kommt. Ein Verrückter, den die Devise „Myself First“ voran treibt.

Der Regisseur Christoph Mehler inszeniert „Peer Gynt“ in Darmstadt als wuchtigen Bilderbogen, der nicht mit äußeren Reizen geizt. Seine Ausstatterin Jennifer Hörr hat ihm wieder einmal einen grandiosen Spielraum geschaffen, diesmal umhängt sie die Bühne mit üppig vom Schnürboden herab wallenden weißen Vorhängen. Sie stilisieren ein Luftschloss, bilden Schneelandschaft und Wüste und das weite Meer. Und am Ende, wenn der Irrsinn in Peers Kopf zum Stillstand kommt, bewegen sie sich zu Spieldosenklängen nach Edvard Griegs „Peer Gynt Suite“ bedächtig zu Boden.

Es sind große, womöglich auch großspurige Theaterbilder, die Mehler hier generiert. Doch gerade die Forschheit der ganzen Unternehmung nimmt für diesen Abend ein. Seine Schwachstellen liegen im Akustischen, denn die Massenszenen und auch manche von Musik umspülte Sequenz nimmt dem Gesagten den Raum. Zudem fransen die tableauartigen Bilder an den Rändern, je länger sie stehen bleiben, aus, werden diffus und unnötig lang. Das sind aber bloß Mäkeleien am Rande, die allein schon vom beherzten Zugriff des Schauspielers Jörg Zirnstein auf seine vielen Figuren, vom Krummen bis zum Knopfgießer, verdrängt werden. Mal steht er oben im Rang und wirft Goldglitter, mal mogelt er sich quasi auf die Bühne, dann turnt er von sonst woher hinein: agil, wendig, präsent. Wie es überhaupt viel zu gucken und zu staunen gibt an diesem dreistündigen Abend; der ganze Saal wird bespielt. Phantasiegestalten entern die Sitzreihen, springen wie Irre die Treppenaufgänge hinunter, zucken, krampfen, irrlichtern.

Mit toxischer Männlichkeit

Den Märchenmotiven begegnet Mehler mit unheilbarer Hysterie. Die Bühne ist buchstäblich die Welt. In der berühmtesten Szene des Stücks, in der Peer eine Zwiebel häutet, bloß um festzustellen, dass sie, ganz wie er selbst, keinen Kern hat, der das Ganze im Innersten zusammenhält, erweist sich Daniel Scholz als so zupackend wie Harmstorfs Seewolf. Wie er überhaupt seinen Peer nicht als Weichei anlegt, auch eine mögliche Deutung, sondern als einen, für den toxische Männlichkeit kein Fremdwort ist.

Heraus kommt ein ungeheuer zupackender Theaterabend, der weder ein altgedientes Männerbild verkitscht noch den Härten der Zärtlichkeit ausweicht. Kräftiger Beifall.

Staatstheater Darmstadt:17., 21. Februar, 15., 23. März. www.staatstheater-darmstadt.de

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