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Sie zeigen ein absolut nicht reales Stück Leben mit „Cinema of Moral Anxiety“.

„Unfuck My Future“

„Unfuck My Future“: Die politische Demo, ein karnevalesker Spaß?

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Zusammenleben in Europa: Michal Borczuch mit dem Nowy Teatr und die Gruppe andpartnersincrime beim Festival „Unfuck My Future“.

Man kann nicht behaupten, dass der polnische Regisseur Michal Borczuch seine Darsteller die Dinge nicht klar aussprechen lässt: „Dies ist eine Performance“, sagen sie, und dass sie mit uns, dem Publikum, nun „einen Deal“ haben: Sie spielen – und das, was sie zeigen, ist „absolut nicht real“ – und wir gucken. Punkt. Freilich ist, was „absolut nicht real“ ist, auch „ein Stück Leben“, sagen sie. Das ist auf der Bühne schließlich kein Widerspruch.

Die Truppe mit Schauspielern des bekannten Warschauer Nowy Teatr versteht es, mit dem Als-ob ihren Spaß zu haben und das Publikum teilhaben zu lassen an diesem Spaß. Sie gastierte jetzt mit der Performance „Cinema of Moral Anxiety“, das der Mousonturm koproduzierte und in sein kleines Festival „Unfuck My Future. How to Live Together in Europe“ stellte.

Das Stück schlendert mit schöner Lässigkeit

Der Zusammenhang ist nicht eben groß, denn in dieser zweistündigen Aufführung geht es zum einen um einen Film von Krzysztof Kieslowski, „Amator“ (Amateur) von 1979, in dem ein Arbeiter sich eine 8-mm-Kamera kauft und, da er bald alles und allerorten filmt, damit aneckt – und auch noch seine Ehe zerstört. Zum anderen geht es um den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau und seinen Aufenthalt in einer Hütte am Walden Pond auf der Suche nach einem einfacheren, nach einem „tiefen“ Leben. Im Stück erkennt man ihn daran, dass er mit einer Axt rumläuft; ansonsten trägt er Alltags- und Freizeitklamotten wie alle anderen (Bühne, Kostüme: Dorota Nawrot).

Sie schießt mit Farbe wie protestierende Katalanen.

Stellvertretend für die alltäglichen Schauplätze ist eine nach hinten leicht schräg gestellte Fahrbahn mit Markierungen auf die Bühne gebaut. Sie wird auch mal zum Badeteich, die Darsteller schwimmen und tauchen in ihr. Sie unterhalten sich und tun das mit hinreißender Beiläufigkeit, sie spazieren im Kreis, sorgen sich um ihren „Stimmenverbrauch“ („7 Einheiten pro Tag“, meint ein Synchronsprecher, seien das Maximum, sonst leide seine Stimme zu sehr), rechnen aus, wie viel Geld sie in 54 Lebensjahren schon für Kaffee ausgegeben haben, sind verstört, dass die Eltern in ein Sammelgrab umgebettet wurden. Indessen zieht die Frau des Film-Amateurs zu ihrer Mutter. Indessen denkt Thoreau über den Unterkiefer eines Tieres nach, den er gefunden hat.

Das Stück schlendert mit schöner Lässigkeit, nach dem darin geäußerten Motto: „Nur das Leben kann uns Leben beibringen“. Es pickt sich Dinge heraus, und obwohl es das scheinbar ziemlich wahllos tut, wirkt es nicht beliebig.

Eine so lockere Form pflegen auch Regisseurin Eleonora Herder und die Frankfurter Gruppe andpartnersincrime bei „Auto-nomie. Eine Geschichte über unabhängiges Bewegen“, die jetzt im Mousonturm uraufgeführt wurde.

Die Schein-Autonomie des Autofahrers

Man hat sich Gesprächspartner gesucht in Gegenden, deren Einwohner (oder ein Teil der Einwohner) sich unabhängiger bewegen wollen: in Katalonien, der Republik (Nord-)Mazedonien, der nordmazedonischen Verwaltungseinheit Vevcani, die nur aus einem Dorf besteht, und auf der Krim. Eine der vier Performerinnen (Viktorija Ilioska, Alla Poppersoni, Lela Herder, Johanne Schröder) setzte sich jeweils mit ins Auto des Befragten, die Gespräche wurden aufgenommen. Dazu kommen Videoeinspielungen, etwa von Polizeieinsätzen in Katalonien oder vom Begräbnis Titos. Die Abstimmung zur Umbenennung Mazedoniens, 2018, ist ebenso Thema wie das Comic-Vögelchen Tweety und warum es zum Symbol der nach Unabhängigkeit strebenden Katalanen wurde. Eine schräge Geschichte.

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Noch mehr als die polnischen Kollegen vom Nowy Teatr springen die partners in crime herum, sammeln auf Art eines Eichhörnchens Details aus ihren vier Weltgegenden zusammen und präsentieren sie, ohne zu werten. Der eine Gesprächspartner philosophiert über die Schein-Autonomie des Autofahrers. Die andere, eine Katalanin, erklärt, warum sie sich entschieden habe, mit Farbe zu werfen: um nämlich die Objekte, Gebäude vor allem, zu markieren, die die Politiker hätten erbauen lassen. Auf der Bühne im Mousonturm zücken die Akteurinnen eine Schleudern und schießen mit kleinen bunten, staubenden Wattebäuschen.

Die politische Demo, ein karnevalesker Spaß? Die Frankfurter Theatermacherinnen stellen sich, wie gesagt, nicht auf eine Seite. Aber der Meinungen, Geschichtsfakten, Absurditäten haben sie viele zusammengetragen. Es ist ein entspannter, aber auch lehrreicher Abend.

Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt: Festival „Unfuck My Future“ noch bis 8. September. www.mousonturm.de

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