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Die Rat- und Wortlosen: Friederike Ott, hinten André Meyer.

Theater

„Und es schmilzt“ am Schauspiel Frankfurt: Das kann nicht gutgehen

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Lize Spits Roman „Und es schmilzt“ in einer Bühnenfassung am Schauspiel Frankfurt.

Der vor vier Jahren veröffentlichte Debütroman von Lize Spit, in Belgien ein gewaltiger Erfolg, in Deutschland (bei S. Fischer, 2017) ein vielbeachteter Titel, ist in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt nun in einer Dramatisierung zu sehen. Das Wort Dramatisierung ist im Zusammenhang mit „Und es schmilzt“ ein merkwürdiges Wort, denn dramatisch genug ist die Geschichte bereits.

Vergewaltigungsszene unter den Dorfjugendlichen

Auch hat sie im Roman nicht umsonst fünfhundert Seiten Platz und Zeit, sich zu entwickeln. Trotzdem kann es einem zu viel werden – nein, nicht zu lang, sondern zu viel. In hundert Bühnenminuten entsteht so die dann doch recht krasse Ausgangssituation, sich mit jeweils kürzester Anbahnung auf die drastischsten Ereignisse konzentrieren zu müssen. Und in einer visuellen Darstellungsform zu zeigen, was man mit gutem Grund beim Lesen in Tempo und Dosis wenigstens kontrollieren kann.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 30. November, 1., 9. Dezember. www.schauspielfrankfurt.de

Die Redlichkeit, mit der Regisseurin Marlene Anna Schäfer sich um kunstvolle, diskrete, aber nicht verlegene Wege – und ohne nackte Leute – bemüht, sind achtbar, aber vergebens: Entweder nämlich wird es hochnotpeinlich, wenn erfahrene Bühnendarsteller als masturbierende Teenager dann doch (logischerweise) über ein „American Pie“-Niveau nicht hinauskommen, in diese Szenen aber richtig viel Zeit und inszenatorischer Aufwand gesteckt wird. „Gesteckt wird“, da hört man die beiden Jungs schon wieder gickeln. Oder es gestaltet sich unter- und überbelichtet zugleich, wenn die Vergewaltigungsszene unter den Dorfjugendlichen, die sich aus einer weit hergeholten, im Roman aber doch erschütternden Konstellation entwickelt, eine detailreiche Rezitation ist. Ein Besenstiel gehört dann zu den wenigen Requisiten. Anschließend schreit die Vergewaltigte auf, deren Leben hier zerstört worden ist. Es ist der einzige Aufschrei des Abends, auch Schäfer bemüht sich in ihrer Textfassung und in der Bebilderung um Dosierung und Steigerungsfähigkeit. Aber die Wucht der Ereignisse ist zu massiert und zugleich zu kompliziert, um eine Angemessenheit zu finden. Dass sich Schäfer nicht dafür entscheidet, die Unangemessenheit zu zelebrieren, ehrt sie, ohne dem Abend aufzuhelfen.

Flucht in den Alkohol

Dieses Problem hat auch der Roman. Während es auf der Bühne hechelnd wird, kann er aber mit einem langen Atem die Allmählichkeit und Vielfältigkeit ausbreiten, in der und mit der das Leben der Dorf- und Romanbewohner schiefläuft. In den Stumpfsinn bricht der Tod ein, das Unglück der Erwachsenen, die sich in dröhnende Maßregelungen und Alkohol flüchten, legt sich bleiern auf die Kinder.

Schäfer, Marina Stefan (Bühne) und Lorena Díaz Stephens (Kostüme) haben sich einiges überlegt. Durch Scheiben kann man zuweilen auf die Unterbühne sehen, wo Torsten Flassig und Stefan Graf als losgelassene Halbkinder ihre entgleisenden Spiele spielen. Videobilder werden ebenfalls von dort nach oben geschickt. Immer wieder dreht es sich dabei darum, Klartext zu reden, aber nicht direkt zu zeigen, was die da machen. Hinten durch eine offene Tür ist ein bescheidener Familienesstisch zu sehen. Das ist die trübe Realität mit Christina Geiße und André Meyer als Eltern, die sich zu weit vom notwendigen Glücksminimum entfernt haben. Katharina Hackhausen ist die für die Gruppendynamik unter den Jugendlichen wichtige „Neue“. Es liegt nicht an der Schauspielerin, sondern an der (unvermeidlichen) Abkürzung des Textes, dass die Figur so typisiert wirkt.

Rückkehr mit kriminalistischem Rätsel

Ernsthaft Platz bekommt Friederike Ott und kann ihn nutzen. Sie ist Eva, die hier im Dorf aufwuchs, mit Gründen wegging und lange nicht wiederkam. Jetzt kehrt sie doch noch einmal zurück, im Kofferraum hat sie das im Titel erwähnte kriminalistische Rätsel dabei. Ott dürfte das Alter von Eva zur Zeit der Rahmenhandlung haben, schlüpft aber in den Rückblenden überzeugend in das Kind zurück. Das Kind hat Probleme, um die es sich selbst und um die sich die anderen nicht kümmern. Alle (Über-)Konstruiertheit der Handlung ist in Otts Gesicht ganz einfach zu finden, in ihrer Verlegenheit, ihrem angestrengten, aber auch netten Lächeln und in ihrer aufmerksamen Hoffnung, doch bemerkt zu werden und für die anderen eine Rolle zu spielen.

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