Frankfurter Autoren-Theater

Das unbekannte Tier in seiner Höhle

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Das Frankfurter Autoren-Theater mit einer überzeugenden Version von Franz Kafkas Erzählung „Der Bau“.

Von einer ausgesprochen respektablen Leistung ist zu sprechen. Dass sie einen, sagen wir: Schönheitsfehler hat, spielt eine zwar nicht zu vernachlässigende, letztlich jedoch untergeordnete Rolle.

Zur Schauspielerei ist die Frankfurter Diplom-Psychologin Brigitte Ohnesorge, mit Jahrgang 1950 gerade noch zur Generation der Achtundsechziger gehörig, erst spät gekommen. Im Frankfurter Autoren-Theater ist sie mit dem Seniorentheater „Die Zeitlosen“ in Erscheinung getreten. Nun steht sie an gleicher Stelle allein auf der Bühne, mit der aus dem Nachlass stammenden, 1923/24 entstandenen fragmentarischen Erzählung „Der Bau“ von Franz Kafka, unter der Regiehand von Adrian Scherschel.

Diese späte Erzählung gehört zu jenen Kafkas, die die Perspektive eines – nicht näher benannten – Tieres einnimmt. „... und er scheint wohlgelungen“, heißt es einmal über den Bau, mit dem sich das Tier eine Schutz bietende Heimstatt geschaffen hat. Zehrend gehetzt freilich grübelt es ohne Unterlass darüber nach, wie es die labyrinthische Anlage noch verbessern, noch optimaler gegen Eindringlinge sichern kann. Gepeinigt von dem Wissen, dass eine absolute Sicherheit nicht sein kann und das Ende ohnedies unausweichlich ist.

Ein einziger Scheinwerfer bloß wirft den ganzen Abend lang in der Mitte des schwarzen Bühnenraums von der Decke herab ein fahles Licht auf ein Kissenlager. Ein immer wieder aus dem Off tönendes metallisches Klopfen – bei Kafka ein Zischen – legt die Präsenz eines unsichtbaren Feindes nahe. Ruhelos wechselt Brigitte Ohnesorge die Position im Raum, mal kauert sie am Boden, mal lehnt sie an einer Wand, dann sitzt sie für einen Moment auf einem Platz in der ersten Reihe oder geht über die paar Stufen im Zuschauerraum hinauf zum Technikpult.

Das könnte leicht in eine theaterhandwerkliche Beliebigkeit abgleiten, wirkt aber wohlabgewogen und triftig. In ganz wenigen Momenten bloß fällt Licht auf das Gesicht, meistens zeichnet sich der Körper im Dunkel ab.

Nicht zu verkennen ist – der Schönheitsfehler – die hessische Färbung des Hochdeutschen von Brigitte Ohnesorge. Ironisch könnte man sagen: wenn schon Kafka entgegen der Programmatik dieser freien Bühne kein Frankfurter ist... Davon abgesehen macht die ohne Prätention altersattraktive, in salopp-sportlichem Schwarz gekleidete Ohnesorge ihre Sache sehr gut. Den behutsam auf ungefähr eine Stunde eingestrichenen Text trägt sie mit gezügelter innerer Beteiligung und einem feinen Gespür für Nuancen vor. Beachtlich.

„Die Aktualität liegt auf der Hand.“ Diesen Satz stellt Adrian Scherschel im Moment des Übergangs zum Premierensekt in den Raum. Eines szenischen Fingerzeigs enthält er sich. Das ist klug.

Frankfurter Autoren-Theater in der Brotfabrik: 10., 11. November. www.fat-web.de

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