Szene aus 4.48 Psychose.
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Szene aus 4.48 Psychose. Auf dem Bild: Linda Pöppel, Kathleen Morgeneyer, Katja Bürkle.

Deutsches Theater Berlin

Ulrich Rasche inszeniert Sarah Kane: Das Exerzitium

  • vonUlrich Seidler
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Ulrich Rasche speist am Deutschen Theater Berlin Sarah Kanes „Psychose 4.48“ in seine Theaterkunstmaschine.

Zehn Jahre liegt Ulrich Rasches letzte Produktion in Berlin zurück (am Schauspiel Frankfurt sorgten zuletzt seine „Perser“ für Aufsehen). Dreimal in Folge war er zum Theatertreffen eingeladen – 2017 mit den „Räubern“ aus dem Münchner Residenztheater (die nicht gezeigt werden konnten), 2018 mit dem Basler „Woyzeck“ und 2019 mit „Das große Heft“ von Ágota Kristóf – jetzt ist der fünfzigjährige Regisseur im Deutschen Theater angekommen. Und mit unbeirrter Brutalität und unerschütterlichem Glauben an die große und strenge Form setzt er seine religiös anmutenden Bußeübungen mit auf der Stelle laufenden Schauspielern auf bewegten Spielflächen fort.

Diesmal hat ein findiger Dramaturg mit sadistischem Gespür Sarah Kanes „Psychose 4.48“ Rasches Theatermaschine zum Fraß vorgeworfen, das letzte Stück der britischen Dramatikerin, das sie noch vollendete, bevor sie 1999 mit 28 Jahren in einer psychiatrischen Klinik aus dem Leben ging.

Es ist immer von Wegblasen die Rede, wenn man mit Anhängern solchen Theaters spricht. Und auch bei dieser Premiere gibt es einige, die das Bühnengeschehen in meditativer Pose offenbar wie eine Läuterung in sich aufsaugen oder mit dem Kopf zu den von vier Musikern live gespielten, perkussiven, langsam eskalierenden und dann wieder implodierenden Rhythmusloops über elektronischem Orgelgebraus nicken, voll und widerstandslos dem mit großer Disziplin zelebrierten Ablauf hingegeben.

Andere verlassen den Saal vorzeitig und werden aufgefangen vom warmen Licht im Foyer, das verlockend in den finsteren Theatersaal fällt und ans Durchhalten gemahnt. Drei quälend langsam vertickende Fegefeuerstunden dauert es diesmal.

Natürlich passt Kanes eigentlich recht kurzer, tiefsten Seelenqualen abgerungener Text, der hinabsteigt in die Trostlosigkeit des Daseins, zu einer solchen Inszenierungsweise wie die Faust aufs Auge. Das Stück ist sicher mehr als das Dokument einer schweren Depression – mit Medikationsangaben, Symptomlisten, Arztsprüchen, Anrufungen des Geliebten, Verfluchungen des Vaters und Gottes, mit Selbstmordfantasien und höllischen Wahnideen, mit Angst und Scham und selbstvernichtender Ehrlichkeit -, aber schon als solches ist es eine unschätzbare künstlerische Kraftanstrengung.

Was für ein Heldenmut ist für diese Seelenausreißung bei lebendigem Leib, für einen solchen Opfergang nötig. Aber auch was für eine finstere Sicherheit, die an der eigenen, in die dunkelste Ecke getriebene Sichtweise auf das Dasein keinen Zweifel zulässt und jeden Zuspruch als Lüge und Angriff wahrnehmen muss – was ja zur erbarmungslosen Mechanik einer Depression gehört.

Und mit ebensolcher Sicherheit ästhetisiert Rasche diesen Schrei. Er verteilt den Text auf drei Frauen (Katja Bürkle, Kathleen Morgeneyer und Linda Pöppel) und sechs Männer (Elias Arens, Thorsten Hierse, Toni Jessen, Jürgen Lehmann, Justus Pfankuch und Yanni Stöbener), die in enge, mal hautfarbene, mal schwarze Anzüge geschlüpft sind.

Auf vier ununterbrochen arbeitenden Laufbändern, die dazu von der Drehbühne bewegt werden und selbst fahrbar sind, halten sich die Sprechenden auf der Stelle schreitend im minutiös gesetzten Licht, lassen sich wieder ins Dunkle bewegen, wechseln Positionen, halten den Rhythmus in chorischen Passagen und ringen sich aus tiefsten Seelenschlingen den Text ab. Wort für Wort. Auch das ist ein gar nicht genug zu würdigender Akt künstlerischer Anstrengung, die keinen Zweifel am eigenen Tun und keinen Rückzug zulässt.

Die Form schützt hier nicht, sondern treibt ihren Dienern das Spiel aus. Verletzliche Kreaturen in seltsam schiefer Bewegung und mit Entsetzen im Blick, die ihr Leiden herauskeuchen, herausschreien, herauswringen, herausweinen. Blicke zerbrechen an Verzweiflungsworten, der Speichel fließt in Fäden, Brustkörbe und Zwerchfelle beben, Hände öffnen sich hilfesuchend und werden dann wieder vergessen im Ringen mit den technischen Exerzitien und dem unerschrocken hergeschafften, existenziellen Schmerz.

So nah kann man dem Begreifen dieses Schmerzes – ohne selbst von ihm ergriffen und vernichtet zu werden – wohl nur im Theater kommen. Hier scheint diese Kunstform zu einer sehr ursprünglichen kultischen Bestimmung zu finden und hier gibt sie sich zugleich auf. Diese Kunst rennt mit der geduldigen Unbeirrbarkeit einer hundertjährigen Schildkröte gegen die Glaswand der Wirklichkeit. Hier wird Leiden geübt an der Kippe zum wirklichen Leiden. Hier wird Qual dargestellt mit Mitteln, die an Folter denken lassen. Hier hört der Spaß auf. Es ist genug.

Deutsches Theater Berlin:25., 26. Januar, 12., 13., 28., 29. Februar. deutschestheater.de

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