Frankfurter Positionen

Alp und Übung

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Nis-Momme Stockmanns „Das Imperium des Schönen“ vom Schauspiel Stuttgart.

Nis-Momme Stockmann hat ein ausgezeichnetes Gespür für missglückende Kommunikation, für die permanenten Missverständnisse und Manipulatiönchen und für die Gereiztheit gerade unter der glatten, so genannten kultivierten Oberfläche. Herrlich, wenn die entsprechenden Vorwürfe ausgerechnet von dem kommen, der sich in den Augen der Figuren wie der Zuschauer die deutlichsten Blößen gegeben hat. Beschämend, wenn die andere Seite der groben Manipulation gezeigt wird und einem womöglich noch vertrauter ist: Wie man einander wieder beruhigt und erfreut, wie die vertrauten Bande und die eitle Gutgläubigkeit funktionieren. Frauen scheinen das noch besser zu beherrschen, Männer können es aber auch.

Der Titel „Das Imperium des Schönen“ ist durchtrieben. Er bezieht sich innerhalb es Stückes auf Japan, aber das Bedrohliche einer ästhetischen Oberhoheit schwingt mit. Wer wäre imperialistisch, wenn nicht ein Imperium? Entstanden als Auftragswerk des Festivals „Frankfurter Positionen“, wurde es Ende Januar am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt und war jetzt beim Festival zweimal in den Frankfurter Kammerspielen zu sehen. Der technische Aufwand hält sich in Grenzen, Regisseurin Tina Lanik hat selbst den schwarzen Raum gewählt, lässt zwischenzeitlich Nebel puffen – fast schon mehr, als man erleben will – und gibt dem spielenden Sextett ein paar Stühle sowie eine Rückwand, an der man zum Beispiel insektenartig entlangkreuchen kann.

Der Schmerzensmann

Obwohl das auf den ersten Blick sportive Schauspielerroutine ist, finden Lanik und das Ensemble doch eine Bewegungssprache, die die Komplexheit des gesprochenen Wortes virtuos in kleinen Unregelmäßigkeiten und Verzwirbelungen spiegelt. Die Hell-Dunkel-Malerei wird durch Natalie Sorokos kunterbunte Kostüme unterstrichen, die gleichwohl offenbar nicht auf die Fährte der gezeigten Milieus führen sollen. Worum geht’s hier überhaupt?, fragen sich die Figuren immer wieder, obwohl gerade das auf der Hand liegt. Zwei Pärchen, eins mit Kindern, ist gemeinsam nach Japan gereist. Der gutsituierte, aber naturgemäß nicht steinreiche Philosophieprofessor Falk hat eingeladen – genial gespielt von Marco Massafra, und am genialsten da, wo Falk ganz ernst und bei sich ist, ein Schmerzensmann, der die dumme Welt an seinem (wirklich!) tiefgründenden Wissen teilhaben lassen will.

Der ewige kleiner Bruder Matze, Martin Bruchmann, hat seine derzeitige Freundin mit, die Bäckereifachverkäuferin Maja. Während die Professorenfamilie – die harmoniebedürftige Adriana, Katharina Hauter, und die von Tina Lanik ganz ins Bizarre gezogenen Kinder, Daniel Fleischmann und Marielle Layher – höchst gefügig ist wird Maja zu Falks Gegenpart. Maja will lieber in einen Yodobashi-Laden als in den nächsten Tempel. Das erfüllt Falks Vorstellungen von einer Bäckereifachverkäuferin. Ohnehin kann er sie nicht leiden. Allerdings hat sie auch philosophisch einiges zu bieten. In der quicklebendigen Nina Siewert finden beide Seiten Resonanz, passen aber dennoch nicht zusammen.

Denn Autor Stockmann geht es nicht um Psychologie (obwohl er psychologisch insgesamt gewieft ist), sondern um Sprache. Sie ist es auch, die im Körperlichen einen weiteren Ausdruck, eine Ausdehnung in eine weitere Dimension findet. Es gibt Yasmina-Reza-hafte Eskalationen, vieles ist äußerst witzig, auch wenn man mit rotem Kopf im glücklicherweise dunklen Saal sitzt. Zugleich macht gerade der naheliegende Reza-Vergleich deutlich, dass „Das Imperium des Schönen“ am Ende um sich selbst und seine Eloquenz kreist und damit restlos begnügt. Tatsächlich lässt sich früh vorausahnen, auf was für eine Art Konflikt es hinausläuft, und der Abend bleibt im Anschluss daran bei allem Gewirbel frappierend überraschungslos.

Zur Sache

„Frankfurter Positionen – Festival für neue Stücke“geht heute Abend zu Ende. www.frankfurterpositionen.de

Im Schauspiel Stuttgartwieder am 3./ 4. März.
www.schauspiel-stuttgart.de

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