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Rückblende: Hochzeit in Amerika.

Staatstheater Karlsruhe

So überlebt man das nicht

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Hochemotional, unerträglich emotional: Anna Bergmann inszeniert die aus dem Kino bekannte Geschichte „The Broken Circle“.

Die Zerstörungskraft des Todes ist in der Geschichte von „The Broken Circle“ so mächtig, dass selbst die Musik davon ergriffen wird. Der handverlesene Country-Soundtrack, am Staatstheater Karlsruhe vorzüglich und eines Konzertes würdig dargeboten, spielt wie in einer Parallelwelt zur Handlung. Die Schönheit hilft nichts mehr, der Schwung hilft nichts mehr, das Banjo hilft nichts mehr, die wunderbar glasklare Stimme von Frida Österberg hilft nichts mehr. Aber es ist trotzdem alles da, immer wieder wie angeknipst. Musiker funktionieren notfalls wie Automaten.

Auch wer den belgischen Kinofilm aus dem Jahr 2012 nicht kennt – auf ein Theaterstück von Johan Heldenbergh (der im Film eine der beiden Hauptrollen spielt) und Mieke Dobbels –, erfährt sehr bald, was das Leben von Elise und Didier dauerhaft verdunkelt hat. Verdunkelt ist ein zu harmloses Wort dafür, sagen wir also: zerschmettert, vernichtet. Ihr Kind Maybelle ist an Leukämie gestorben, Maybelle und die Eltern haben gekämpft, haben alles versucht, was man versuchen kann, aber es hat nicht gereicht.

In Karlsruhe, in einer in der Tat hochemotionalen, rasend emotionalen und je nach eigene Perspektive auch unerträglich emotionalen Inszenierung von Anna Bergmann, ist Maybelle eine (von Julia Giesbert geführte und gesprochene) Puppe. Eine niedliche, fidele, herumkichernde Puppe. Die Eltern lieben Maybelle über alle Maßen, logisch, selbstverständlich. Man macht Ausflüge, zeigt dem Kind etwas von seiner Umgebung, singt ihm ein Lieblingslied (Country), vermittelt ihm den Eindruck, dass es eine Freude ist zu leben. Was frohe Eltern so tun. Als das Kind stirbt, geht die Puppenspielerin weg. Eine Puppe ohne Puppenspielerin verliert ihre Lebendigkeit weit mehr als ein Schauspieler, der sich tot stellt. Maybelles Tod, von dem das Publikum schon die ganze Zeit über weiß, ist wirklich schrecklich.

Hochemotional: Das liegt vor allem an Österberg und an Jannek Petri, Elise und Didier, die sich Alabama und Monroe nennen. Die Schwedin Österberg ist eine ausgebildete Opernsängerin und Schauspielerin – durch sie kam der Kontakt zum Stadsteater Uppsala zustande, das jetzt als Koproduzent des englisch-deutsch-schwedischen Abends auftritt. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm, ihre Freude in den Rückblenden überbordend, als alles noch in Ordnung, sogar einfach toll war. Die Heirat in Las Vegas, die quietschvergnügte Hochzeitsfeier, in die auch das ganz schön gutmütige Publikum verwickelt wird (Leute tanzen wacker vorne mit, Tabletts mit Gläsern werden durch die Reihen gereicht). Österberg, von Lane Schäfer exzentrisch eingekleidet, immer vorne weg. Ihre Elise ist maßlos in der Freude, maßlos im Leid. So kann man eine solche Geschichte nicht überleben. Petri, ihr ebenfalls vorzüglich singendes Pendant aus dem Karlsruher Ensemble, ist ein anderer Typ. Nicht direkt verschlossen, immerhin jedoch gefasster, weniger imposant, aber neugierig machen beide.

Dazu auf der Rückwand der Konzertbühne (Katharina Faltner) rührende Trickfilmsequenzen vom Glück und vom Unglück (Gregor Dashuber). Dazu vor allem die unwiderstehliche Musik, begleitet von einer sanften, kompetenten Totengräbercombo aus Clemens Rynkowski (Leitung), David und Florian Rynkowski sowie Nathan Bontrager.

Staatstheater Karlsruhe:10., 18., 26. April. www.staatstheater.karlsruhe.de

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