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Lina Habicht, Paul Simon in "Tyll".

Staatstheater Wiesbaden

Kehlmanns „Tyll“ am Staatstheater Wiesbaden: In der Wüste des Krieges

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Daniel Kehlmanns Roman „Tyll“ in einer düster-gewaltigen Inszenierung von Tilo Nest in Wiesbaden.

Das Häuflein Menschen, das auf die Bühne kommt, noch während das Publikum seine Plätze einnimmt, ist mumiengewickelt wie fürs Grab. Mit tropfender schwarzer Farbe schreibt es „Tyll“ auf weiße Papierbahnen, baut die Buchstaben dann in eine Häuserreihe mit Windmühle und Kirche ein, schreibt zuletzt 1636 darüber. Sie werfen sich auf die Knie, die Menschen des Jahres 1636, auf die lehmige Erde, mit der die Bühne im Wiesbadener Haus dick bedeckt ist, sie beten: „Schütze uns vor dem Krieg“. Das Flehen wird nichts nützen. Es wird auch nichts nützen, dass der Gaukler auftaucht, bejubelt: „Tyll ist hier! Schaut, der Tyll ist da!“ Ein wenig Ablenkung bietet er, gewiss. Aber auch bitteren Spott für jene, die auf seine Aufforderung hin tatsächlich ihre Schuhe ausziehen und wegwerfen. Sterben sie halt barfuß.

Till Eulenspiegel in die Welt des Dreißigjährigen Kriegs

Daniel Kehlmann hatte sich in seinem vor zwei Jahren erschienenen, vielgelobten Roman „Tyll“ die Freiheit genommen, den mit mancher Geschichte überlieferten Ulenspiegel/Till Eulenspiegel in die Welt des Dreißigjährigen Kriegs zu versetzen, rund 300 Jahre nach vorn. Zusammen mit Hanno Friedrich hat Regisseur Tilo Nest nun zum Saisonstart in Wiesbaden eine Bühnenfassung des Romans erstellt. Und Robert Schweer für den gewaltigen Stoff ein düsteres, erdiges Loch ins Große Haus gebaut, in dem Kanonenschläge dröhnen, durch das Gefechtsrauch zieht. Die fast durchweg weißen, überwiegend schlichten Kostüme von Anne Buffetrille und Mirjam Ruschka werden schnell schmutzig, das ist klar. Das gilt auch für die Gesichter. Nichts wird zwischendurch abgewischt, nicht der Dreck, nicht das Blut des Krieges.

Kehlmanns Tyll mag ein Spaßmacher sein, er ist kein Menschenfreund. Seine Erfahrungen mit ihnen sind nicht so, dass er einer hätte werden können. In Wiesbaden gibt es einen jungen Tyll, Paul Simon, der, ins Wasser gestoßen, fast unterm Mühlenrad umkommt, der furchtbare Angst hat im Wald vor den Wölfen, der aber allein aufs kostbare Mehl aufpassen muss, der außerdem zusehen muss, wie sein Vater (Michael Birnbaum in einer von fünf Rollen) gefoltert und als Hexer zum Tode verurteilt wird, bloß, weil er über Gott und die Welt nachdenkt, bloß, weil er ein verbotenes Buch besitzt, das er gar nicht lesen kann, weil es auf Lateinisch geschrieben ist. Wann, so fragt sich Claus Ulenspiegel in wissbegieriger Unschuld, in welchem Moment und mit welchem Korn ist ein Haufen Körner kein Haufen mehr?

Alle anderen taumeln und sterben

Regisseur Nest lässt im gut dreistündigen, immer wieder in Lärm, Gerenne, Dunkelheit aufbrausenden Abend auch Raum für solcherart vertrackte wie zarte Überlegungen. Auch für die „Spottkönigin“ Elisabeth von Böhmen, Maria Wördemann, und ihre Zofe Nele, Lina Habicht, zwei Frauen, die sogar den letzten Esel einbüßen, auf dem sie noch reiten könnten. Aber Elisabeth denkt nicht daran, klein beizugeben.

Vielleicht hat ja Tyll, der offenbar durch die Zeiten reisen kann wie nix, sich den Esel geschnappt. Sowohl der junge als auch der alte (Rainer Kühn) tragen nämlich lange Eselsohren und ein zotteliges Stück Fell, sind ein Zettel, der in keinem Elfenköniginnenbett landet, sind bitter, hart, manchmal grausam. Ein kopfloses Eselstier – waren das die Wölfe im Wald, war es etwa der bibbernde, trostlos beim Mehl wartende Junge? – wird hochgezogen und hängt fast von Anfang an über der Szenerie.

Lesen Sie hier: Staatstheater Darmstadt: Der Fall Prinz C.

Mit acht Darstellern kommt Nest aus (noch genannt werden müssen Matze Vogel, Hanno Friedrich, Linus Schütz), er kommt aus mit Papierbahnen und Farbe, auch wenn er eine Kutsche braucht. Oder den letzten Drachen des Nordens, der sich still zum Sterben bettet ins grüne Gras – das sich der Zuschauer dann halt wie vieles andere vorstellen muss, vorstellen wie vorher den Gestank und die Toten des Krieges – einen grausigen Berg von Kinderleichen dabei. Linus Schütz, stolpernd, würgend, hustend, macht es als „Winterkönig“ Friedrich V. plastisch.

Zuletzt ist Tyll vielleicht nur noch ein Schatten (wie der Drache), vielleicht aber auch unsterblich. „Nicht sterben, kleine Liz, das ist viel besser“, sagt er zur alt gewordenen Elisabeth. Man traut ihm zu, dass er das selbst beherzigt. Während aber alle anderen taumeln und sterben, wieder aufstehen und erneut sterben. Das Publikum ist zuerst still, dann klatscht es lang und heftig.

Staatstheater Wiesbaden: 6., 7., 11., 13., 15., 19., September. www.staatstheater-wiesbaden.de

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