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„Tschaikowski-Ouvertüren“ in München: Hamlet muss springen können

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Von: Sylvia Staude

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„Der Sturm“ bei den „Tschaikowski-Ouvertüren“ – Caliban und (natürlich oben) Luftgeist Ariel. Foto: Carlos Quezada
„Der Sturm“ bei den „Tschaikowski-Ouvertüren“ – Caliban und (natürlich oben) Luftgeist Ariel. Foto: Carlos Quezada © CARLOS QUEZADA

Alexei Ratmanskys vor allem artistische „Tschaikowski-Ouvertüren“ fürs Bayerische Staatsballett.

Im Programm des Bayerischen Staatsballetts haben sich die in den letzten Jahren weiter zugunsten des gediegen Klassischen verschobenen Gewichte kaum noch verändert, seit der Franzose Laurent Hilaire im Frühjahr als Direktor übernommen hat – dass dies so schnell ging, lag am Krieg in Europa. Sein mit russischen Institutionen, wohl sogar mit der jüngeren Tochter Putins verbandelter Vorgänger Igor Zelensky trat unter Angabe „privater Familienangelegenheiten“ Anfang April zurück (nicht zuletzt auf Druck des Staatsopern-Intendanten Serge Dorny, hieß es). Schon im Mai folgte Hilaire, der bereits drei Tage nach Beginn des Angriffs auf die Ukraine nicht mehr in Moskau bleiben wollte, wo er seit 2017 das Ballett des Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters leitete – dies übrigens auch als Nachfolger Zelenskys, als dieser nach München ging.

Ein anderer Russe, der die stolze Balletttradition seines Heimatlandes ebenfalls mit Hingabe pflegt, politisch aber gänzlich unverdächtig ist, bestritt nun die jüngste Uraufführung des Staatsballetts in Münchens Nationaltheater: Alexei Ratmansky hat seinen Lebensmittelpunkt nicht nur seit Jahren im Westen, er war auch erster Solist beim Ukrainischen Nationalballett und ist mit einer Ukrainerin verheiratet. In den USA studierte er die von der Harvard University aufbewahrte sogenannte Sergejew-Sammlung, Notationen des Choreografen des kaiserlich russischen Balletts in St. Petersburg, um Klassiker wie „Le Corsaire“, „Schwanensee“ oder „Giselle“ mit möglichster Genauigkeit zu rekonstruieren. Nicht immer nahm die Kritik das mit Enthusiasmus auf, beklagt wurden etwa zu viele pantomimische Elemente. Aber Ratmansky gilt inzwischen als jemand, der die alten Schrittfolgen so verinnerlicht hat, dass er sie mit neuem Leben füllen, mit großem Geschick variieren kann.

Für die Münchner Uraufführung entschied er sich für Choreografien auf „Tschaikowski-Ouvertüren“, so auch der Titel des dreiteiligen Abends: es sind die Elegie und Ouvertüre zu „Hamlet“ des russischen Komponisten, seine Orchester-Fantasie zu „Der Sturm“, schließlich Gesangsduett und Fantasie-Ouvertüre zu „Romeo und Julia“. Mikhail Agrest leitete das Bayerische Staatsorchester.

„Tschaikowski gibt einem Melodien, Rhythmen, Emotionen und Dramatik“, so Ratmansky im Programmheft. Als weitgehend abstrakt war der Abend angekündigt, abstrakt ist denn auch das hauptsächlich mit schwarzen Schlieren und senkrechten Lichtstäben arbeitende Bühnenbild Jean-Marc Pouissants (auch Kostüme). Aber Ratmansky konnte der Handlung der jeweiligen Shakespeare-Stücke und der Dramatik der Musik dann doch nicht widerstehen. Geichsam eine Klammer um die drei Teile bildet der zarte, puttenhafte, äußerst leichtfüßige Shale Wagman als melancholischer Solist in der „Hamlet“-Elegie wie auch dem „Romeo und Julia“-Gesangsduett. Dort schiebt er sich immer wieder mit Bedauern zwischen Elmira Karakhanova, Sopran, und Aleksey Kursanov, Tenor, oder verliert sich gleichsam in eigenen Gedanken, in feinziselierten Bewegungsfolgen.

Alexei Ratmansky treibt die hohe klassische Ballett-Kunst noch höher, durch Aneinanderreihung komplexer Sprünge, lidschlagschnelle Schritte und Battements, quirlige Drehungen, artistische Hebungen. Besonders in sich bewegte Ensembles weiß er fein zu schichten, so dass eine Energie entsteht, die trotzdem nicht wuchtig ist, manchmal wie hingetupft erscheint. In „Der Sturm“ tanzen zierliche Frauenscharen in Tiara, gischtbeflocktem Tutu und tiefblauem Top auf, man könnte sie für Schwanenmeer-Schwäne halten; Miranda, Madison Young, als eine unter ihnen.

Es werden zwar im Besetzungszettel keine Rollen zugeordnet, aber aus der Reihenfolge der Namensnennungen und bei Kenntnis der Shakespeare’schen Handlung kann man sie einzelnen Tänzerinnen und Tänzern zuweisen. Wobei die Frauen, sogar Maria Baranovas Julia, allenfalls ein bescheidenes Solo haben. Der Abend ist ein Fest für männliche Solisten.

Da ist nicht nur Shale Wagman, mit Aplomb auftanzen kann auch der Kubaner Osiel Gouneo, der in der „Hamlet“-Ouvertüre weniger zaudernd als zornig und draufgängerisch erscheint. Ophelia bietet sich ihm an, er stößt sie zurück, wendet sich ab. Alle sterben, alle dürfen sich auf eine Geste von ihm wieder erheben. Im „Sturm“ ist Yonah Acosta, Neffe des berühmten Carlos Acosta, ein kraftvoller Caliban; dass Jinhao Zhang ihn als strenger Prospero am Ohr zieht, bremst ihn nicht in seiner Rasanz. Und António Casalinho ist ein veritabler Luftgeist, sprungstark und flinkfüßig.

Allerdings ist sein Auftritt auch ein Beispiel dafür, wie Ratmanskys Choreografien immer wieder für Momente klischeehaft, ja altbacken wirken: wenn Ariel die Augen mit der Hand beschirmt, als hielte er Ausschau wie ein Seemann, wenn er allzu offensichtlich „laufen“ muss. Und bisweilen ist unklar: ist das der Versuch eines modernen Ausdrucks, einer originellen Wendung? Ballerinen, die kurz mit der Hüfte wippen, ein Partner, der scheinbar geistesabwesend wegschaut, so dass eine Hand rein zufällig die andere findet.

Schwungvoll sind die „Tschaikowski-Ouvertüren“, voll Kunststückchen, im „Sturm“ ein bisschen humorvoll, in den beiden anderen Teilen ein wenig pathetisch. In die Zukunft führt Alexei Ratmansky das klassische Ballett mit dieser dem Auge wohlgefälligen Gediegenheit nicht. Aber das ist ihm vielleicht auch gar nicht wichtig.

Bayerisches Staatsballett im Nationaltheater, München: 27. Dezember. www.staatsoper.de

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