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Die Initiatorin Hanya Yanagihara.

Theater

Donald Trumps USA als Drama

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Ein Theater-Projekt der „New York Times“.

Sehr instruktiv und aufschlussreich war das damals, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Louisville, der Hauptstadt des amerikanischen Bundesstaates Kentucky: Einmal im Jahr zeigten dort Theater aus dem ganzen Land im Verlauf eines mehrtägigen Festivals ihre jüngsten Aufführungen. Man hatte dazu auch Beobachter aus Europa eingeladen, einige Male sind wir so Zeugen geworden einer Selbstdarstellung nicht nur des US-amerikanischen Theaters, sondern zugleich auch der gesellschaftspolitischen Spannungen, die das Land beschäftigten – mit den drei bis vier Aufführungen täglich kam das Angebot einer Reise durch die USA gleich, wie sie intensiver sich kaum hätte planen lassen.

Das Festival in Louisville gibt es schon lange nicht mehr, einer der vielen Belege für den Verlust an ohnehin in der amerikanischen Provinz immer schon nur wenig vorhandenen kulturellen Initiativen. Aber nun hat die „New York Times“ in einer Beilage einem überraschenden Projekt Raum gegeben, das dem von Louisville zumindest im Ansatz ähnlich ist: Die Zeitung hat dreizehn Dramatiker um kurze Stücke gebeten, szenische Entwürfe, in denen die Autoren sich vorstellen sollten, wie ihr Land nach von jetzt an gerechnet fünf Jahren aussehen würde.

Bemerkenswert ist der Vorschlag zunächst, insofern er nun gerade dem Theater, nicht der literarischen Prosa oder der Bildenden Kunst, für den Blick in die Zukunft den Vorzug gibt. Die für das Vorhaben redaktionell verantwortliche Hanya Yanagihara – mit ihrem Roman „A Little Life“, auf tausend Seiten der Geschichte eines Missbrauchs und der Folgen („Ein wenig Leben“, deutsch bei Hanser 2017) in den USA extrem erfolgreich – hat in ihrer Begründung der Anfrage bei den Dramatikern ein bewegend glänzendes Plädoyer für die Kunst der Bühne geführt. Durch die Intimität der Beziehung zwischen Schauspieler und Zuschauer sei das Theater eine der ältesten Formen der Erzählung einer Geschichte und der Beschreibung von Ängsten wie von Hoffnungen einer Gesellschaft, damit hilfreich der Selbsterkenntnis des Betrachters und dem richtigen Leben am nächsten. Da ist also wirklich noch einmal eine Stimme, die den Kräften der Bühne mehr zutraut, als manche Theaterleute derzeit zu leisten bereit sind; wie gut das tut: eine Gläubige.

Was ist nun bei den Dramatikern herausgekommen? Dass die Anfrage die Zukunft auf den relativ nahen Zeitpunkt nach nur den nächsten fünf Jahren begrenzt haben will, hat für fast alle Antworten die Anspielung auf Situationen zur Folge, die noch von der Aktualität des Heute bestimmt sind. Und diese Nähe der Entwürfe zur Gegenwart hat dann – es kann nicht anders sein – vor allem zu tun mit Donald Trump. Direkt oder indirekt steht dieser Präsident für alle Miseren einzelner Personen oder von gesellschaftlichen Gruppen wie den Gays und Lesben, den Afro-Amerikanern oder den Jugendlichen, die in dem chorischen Gesang von Michael R. Jackson „The Kids on the Lawn“ („Die Kids im Vorgarten“) die Sinnlosigkeit jeder Art von Beschäftigung im Kontext einer heruntergekommenen Zivilisation herausschreien, und am Ende aufrufen zu einer blutigen Revolution, „Blow it up. Burn it down“.

Keine guten Aussichten, nirgends. Die Parade der Szenen gleicht einem Trauerzug. Höhnisch beginnt es in „Presidential“ („Eines Präsidenten würdig“) von Paul Rudnick mit einem Streitgespräch zwischen Trumps Tochter Ivanka und ihrem Mann Jared über die Nachfolge des Präsidenten, der inzwischen in einem Gefängnis sitzt, das er, großmäulig wie stets, „das größte der Welt nennt“. Das Paar ist eindeutig verblödet, schließlich einigt man sich darauf, die Präsidentschaft gemeinsam zu übernehmen. In „Leave the Car“, (für: „Nichts wie raus“) erwartet eine Gruppe, oberer Mittelstand, in einem Lokal die Abwahl Trumps, man steht unter enormer Spannung, dann das erhoffte Ergebnis: Er ist weg. Jedoch baut ein Kellner bösartig den Druck sofort wieder auf: Ihr werdet euch wundern, nichts wird sich ändern.

Soziale Verelendung ist für mehrere der Autoren die Realität, an der kein Weg vorbeiführt. Nachdrücklich als Filmscript erfasst von Starr White in „South Platte“. Armutszone in Denver, eine Drogenabhängige, aus der Haft entlassen - aber wohin? -, irrt geschunden herum, haltlos, sie gerät an eine Gruppe von USA-fanatischen Rechten, die zwei Indianer bedrohen, will ihnen beistehen, muss resignieren. Zerfall allenthalben. Und Schrecken, auch in einem Theater (Adam Rapp: „Der Sand und der Schnee“): Auftritt einer Frau, die von einer Aufführung berichtet, von der sie nicht loskommt, zwei unerklärliche Morde ereignen sich, einmal in einer Wüste, dann in arktischem Schnee, in der Pause überlässt sie sich auf der Toilette einem ihr unbekannten Mann – auf eine gewisse Weise wird sie selbst zu einer Figur der rätselhaften Aufführung, von der sie erzählt.

In soviel Falschem der Verhältnisse kann auch die Liebe sich nicht behaupten. Sibblies Drury und Lynn Nottke erzählen davon. Die Mehrheit der Autoren ist im europäischen Theater unbekannt. Der in den USA wohl bekannteste ist Terrence McNally, alter Barde. Sein Beitrag hier: Die Großen des modernen Theaters, Arthur Miller, Eugene O’Neill, Thornton Wilder, Edward Albee, Tennessee Williams sitzen auf einer Wolke, betrachten sich das amerikanische Trump-Desaster von oben, Miller fragt Williams: „Liebst du das Land noch?“ Williams: „Ich bin mir nicht sicher“.

Einige der Entwürfe sind gelesen oder angespielt zu hören oder zu sehen unter nytmagazine.com

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