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Les Trucs, den Whirlpools ohne Whirl entstiegen.

Molche im Mousonturm

Les Trucs: Des Salamanders kriechende Klänge

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Karel Capeks „Krieg mit den Molchen“, aufgeführt von Les Trucs im Mousonturm.

Schon erstaunlich, was sich unter günstigen Vorzeichen anstellen lässt mit Bottichen für drei Akteure nebst Stehpodest für die Erzählerin (Beatrice Frey), ergänzt um Geräuschquellen von der Schnarre zum Alphorn, sowie Chorälen und perkussiven Marschrhythmen vom Techniktisch und Stimmen im Off. „Jawohl, wir befinden uns tatsächlich an der Schwelle Utopiens“, verkündet das nasse Trio in wasserfesten Kostümen unter Schwapp- und Glucksgeräuschen aus den molchgrünen 500-Liter-Whirlpools ohne Whirl, bevor es späterhin im Trockenen stehend und in Rucksackrüstung voller Licht und Knöpfen vor sich hin musiziert.

Ein Ursuppen-Feeling der zweiten Mensch-, nein Molchwerdung erfüllt den Saal des Frankfurter Mousonturms und Karel Capeks dystopische Geschichte von der Spezies, die vom Kapitän van Toch zu Perlentauchern abgerichtet und gepäppelt wird, bis sie dem Menschen Konkurrenz macht und zuletzt Berge und Kontinente zermahlt, für mehr „Lebensraum“ in Lagunen. Capeks SciFi-Klassiker mit Erzkapitalisten als skrupellosen Sklavenhaltern erschien 1936.

Da die Band und Performer (Les Trucs: Toben Piel, Charlotte Simon) plus Live-Drummer ihrem Material gerne Respekt zollen, bleibt diese Zeitmarke auch spürbar. 1936 war eine Zeit ultrarechter Bündnisse, des Radios und auch eine Kolonialzeit, was den Roman und das Bühnenstück wirken lässt wie Orson Welles’ „Krieg der Welten“ (1938) mit einem Hauch „Creature From the Black Lagoon“. Selbst das „Atlantropa“-Projekt von 1928, die fantastische Trockenlegung des Mittelmeers, hallt hier wider, ebenso die Radioexperimente von Brecht bis Weill und Eisler. Zitiert werden Joseph Conrads und Jack Londons Seeabenteuer, der kolonialherrliche Rudyard Kipling und Zuchtexperimente, die mal nach Darwin, mal nach Sklavenhandel oder Kafkas Rotpeter klingen. Capek selbst starb 1938 an einer Lungenentzündung nach Hochwasserschäden.

Toll, wie experimentell und Retro, wie verspielt und formstreng, wie literarisch und analytisch-zersprengt im Zeichenstrom dieser „Krieg mit den Molchen“ rüberkommt. Wasser wird da zum Hallraum kriechender Klänge, die mal aus den Wannen, mal aus flötenartigen Röhren und zu Alphörnern gesteckten Putzutensilien dringen. Salamandertanz, Tritonenmarsch und Triton-Trott vereinen sich zum lebenden Wasserspiel und Krötenbrunnen, um die ganze Sinnlichkeit dann doch wieder in literarischen Formen vom Bericht zum Dialog, von der Musikausstrahlung zum Kommuniquee des nicht ganz Hitler-fernen Chief-Salamander in den Griff zu kriegen, der der Menschheit seinen Räumungsbefehl erteilt.

Vor unser aller Augen schlägt Natur zurück, stellt das Polit-Extrem den Menschnationen mit und ohne überlegene „Nordmolche“ Ultimaten, rückt das Weltenende Mal um Mal näher. Eine große Mär von der Versumpfung des Menschen. Ein so schöner wie kurzweiliger Abend.

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