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„Il trovatore“ am Nationaltheater Mannheim: Leonora, Miriam Clark, in verqualmter Trümmerlandschaft. 

Nationaltheater

„Der Troubadour“ in Mannheim: Dahinter die Schatten

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Roger Vontobel und Roberto Rizzi Brignoli entwickeln in Mannheim einen großartigen „Troubadour“.

Die berüchtigte und oft bespöttelte Unerzählbarkeit von Giuseppe Verdis „Troubadour“ relativiert sich, wenn ein Regisseur sich unverkrampft aufmacht, es eben doch zu versuchen. Mit Vernunft und Gefühl. Zuerst aber ist die Inszenierung am Nationaltheater Mannheim ein musikalisches Ereignis von Rang und auf allen Ebenen.

Das Dirigat von Roberto Rizzi Brignoli verscheucht mit Alertheit und Elastizität die Möglichkeiten, bei dieser Schlagerperlenkette plump und rumsig vorzugehen. Orchester und trefflicher Chor (Dani Juris) sind gleichermaßen kultiviert und auf dem Quivive, und wenn sie bei geradezu rasanten Passagen zwischenzeitlich verschiedene Wege gehen – sehr verschiedene Wege –, ist es den Hochgeschwindigkeitsversuch doch wert und wird sich gewiss noch finden. Das zentrale Solistenquartett ist – aus dem Ensemble – so hochkarätig und ebenbürtig besetzt, wie man es selbst an den ganz großen Häusern nicht immer erlebt. Noch etwas spektakulärer womöglich die Frauenstimmen: Miriam Clark ist eine Leonora mit sehr jugendlicher Goldstimme, vorsichtig angesetzten, aber brillanten Höhen. Nichts ist hier Druck, alles blendendes technisches Vermögen. Leonoras tragisches Pendant Azucena, Julia Faylenbogen, bringt eine schön altartige Mezzosopranstimme ein, bei aller auch hier hörbaren jugendlichen Frische groß, aber leichtgängig.

Irakli Kakhidzes Tenor bewältigt die Manrico-Partie mühelos und kraftvoll. Wer mehr (noch mehr) Troubadourslyrik will, wird doch das Kernige zutiefst genießen können. Und Evez Abdulla, der Graf Luna, war zwar so erkrankt (wenngleich nicht an der Stimme), dass ein Ersatz schon hinter der Bühne bereit stand, um ad hoc einzuspringen, kam aber tadellos durch den Abend. Auch die kleineren Rollen – darunter Natalija Cantrak als Ines und Bartosz Urbanowicz als Ferrando, der sich gleich als erster prächtig die Seele aus dem Leib singt – sind exquisit besetzt. Musikalisch wird nicht weniger geboten als in einer sehr guten konzertanten Aufführung.

Ein naheliegender Gedanke, da die Inszenierung Rücksicht nahm und durchaus Gelegenheit zum Rampensingen gibt. Dies vor allem gegen Ende und zu einem Zeitpunkt, als es Roger Vontobel längst gelungen ist, eine plausible, ja starke, düstere Grundatmosphäre zu schaffen. Sehr hilfreich ist dafür Claudia Rohners Bühne, zappeduster und unter Nebeleinsatz noch undurchsichtiger. Szenen, die eigentlich zu Ende sind, bleiben zuweilen als riesige Schatten hinten an der Wand weiter präsent, eine wunderbar einfache Möglichkeit, dem fortgesetzten, dem nicht endenden Schrecken Raum zu geben. Schemenhaft sind Podeste zu erkennen, vor allem aber ein übergroßes Holzarrangement, das von oben herabgelassen werden kann und einem riesigen Scheiterhaufen schaurig ähnelt – manchmal rötlich glimmend –, aber auch eine getrümmerte Umgebung anzeigt.

Dazu passen die Soldaten, bei Vontobel und seiner Kostümbildnerin Nina von Mechow kein rüstiges Opernmilitär, sondern versehrte Individuen im kümmerlich vorankommenden Trüppchen (ihr Hauptmann Ferrando hat selbst einen Arm eingebüßt). Die „Zigeuner“ – „historischer Terminus“, heißt es in den Übertiteln, eine sympathische Lösung – sind eine heutig buntgekleidete Schar, die überraschenderweise mit der Fertigung lebensgroßer Puppenextremitäten beschäftigt ist. Das hat etwas für sich, wo es ansonsten überall an heilen Körperteilen mangelt. Es ist aber auch ein intelligenter Ansatz, dem Bizarren und Versatzstückhaften des „Zigeuner“-Chors eine Bebilderung zu geben, die das unterstützt, ohne zu sehr abzulenken.

Brignoli und Vontobel, so scheint es und so lassen sie auch in zwei empfehlenswerten Miniinterviews im Programmheft durchblicken, respektieren das Disparate des Gesamtereignisses nicht nur, sie gewinnen ihm sogar eine besondere Stärke für einen originellen Musiktheaterabend ab.

Und dies ist nun der prägendste Einfall: Die Tänzerin Delphina Parenti ist mit einer Choreografie von Zenta Haerter ständig auf der Bühne, zunächst in jugendlicher Alltagskleidung, dann im Ganzkörperanzug, der gräulich fleckige (verwesende) Haut andeutet, zappelig nervös, grotesk imitierend, drängelig, verzwirbelt vor Gram, Leid und Wut. Sie ist das Trauma – ein Wort vom Besetzungszettel, aber man versteht es sofort –, das die Figuren begleitet (treibt, quält) und die Darsteller entlastet. Interessant, dass die Personenführung im engeren Sinne selbst ja die bescheidenste Seite bleibt (wobei vor allem Miriam Clark eine angenehme, quicklebendige Darstellerin ist). Auf Dauer – auch wenn man es zuerst befürchtet – ist Parenti aber keine Ausrede für mangelnde Bewegung auf der Bühne, sondern es entsteht der tieftraurige Eindruck von verdrängtem Entsetzen, das alle Chancen auf Glück erstickt.

Der Jubel bezog alle mit ein, die Akteure fielen sich erschöpft und glücklich um den Hals, was nach einer solchen Geschichte, wenn sie so erzählt wird, eine echte Erleichterung ist.

Termine

Nationaltheater Mannheim: 18., 21., 25. Juli. www.nationaltheater-mannheim.de

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