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„Tristan und Isolde“ in Bayreuth: Auf dem Wasser wandeln

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Von: Judith von Sternburg

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Alles nicht naturalistisch, sondern unwahrscheinlich: Stephen Gould als Tristan unter Stäben. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa
Alles nicht naturalistisch, sondern unwahrscheinlich: Stephen Gould als Tristan unter Stäben. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa © dpa

Was die Liebe alles kann: „Tristan und Isolde“ eröffnet die Festspiele in Bayreuth.

Die von der Welt abgewandte Oper „Tristan und Isolde“, nachträglich ins Programm genommen, hat bei diesen ersten vollständigen Bayreuther Festspielen seit drei Jahren gleichwohl eine ganz praktische Funktion: Sie wäre – personen- und handlungsarm, chorlos – auch bei einem erneuten Scheitern der vierteiligen „Ring“-Aufführung angesichts der Pandemie vermutlich eine realistische Premiere gewesen. Und könnte immer noch etwaige Spielplanlöcher attraktiv füllen. Zuerst einmal aber ist sie – wenn auch zunächst nur für zwei Vorstellungen angesetzt – der Auftakt zur premierenreichsten Bayreuth-Saison aller Zeiten.

Auch war dadurch bereits der Dirigent Cornelius Meister vor Ort, der für den erkrankten Pietari Inkinen rasch in den „Ring“ wechseln konnte, während Markus Poschner den „Tristan“ übernahm. Denn vieles ging trotzdem nicht glatt, und das Zittern geht weiter. Festspielleiterin Katharina Wagner hat den Mitwirkenden dringend davon abgeraten, sich beim Staatsempfang nach der Eröffnungspremiere zu tummeln (und sich womöglich eine Infektion einzufangen).

Markus Poschner ist der Mann, der in Frankfurt 2020 etwa einen Tag vor dem zweiten großen Lockdown Frank Martins (Tristan-und-Isolde-)Oper „Der Zaubertrank“ bis zur Generalprobe brachte. Die Premiere hat bis heute nicht stattgefunden. Das überraschende Angebot aus Bayreuth zehn Tage vor der Festspieleröffnung habe er mit einer halbstündigen Bedenkzeit angenommen, sagte der Österreicher dem Bayerischen Rundfunk. Und fand sich mit der berüchtigten Akustik im verdeckten Graben offenbar sehr gut zurecht. Eine weitgehend fein austarierte, den Stimmen schmeichelnde Klangmischung entstand. Nicht dass die Beteiligten das unbedingt gebraucht hätten, aber unter dem Strich wird man am Ende seines Lebens selten ein Titelpaar von so kultiviertem Durchhaltevermögen gehört haben: Der 60 Jahre alte Stephen Gould verbindet das Heldische und Lyrische der Partie nach menschenmöglichen Maßstäben fast perfekt, mehr heldisch als lyrisch, aber sein atemberaubend sicherer Tenor wirkt dafür noch in den letzten, furchtbar ausführlichen Aufwallungen im dritten Akt unbemüht und fit.

Gould, der Triathlet, wird auch den Tannhäuser und den Siegfried in der „Götterdämmerung“ singen. Er ist sogar relativ gut zu verstehen, was sich über seine Isolde nicht sagen lässt: die Engländerin Catherine Foster als Debütantin in dieser Partie, der sie stimmlich aber mit hochdramatischem Einschlag ebenfalls glanzvoll und bis in den Liebestod hinein souverän gewachsen ist. Die Ebenbürtigkeit an Durchschlagskraft, die es bei Wagner leider immer braucht, ist eine Freude, zu der sich Georg Zeppenfeld als milder und auch stimmlich edler Marke (mit grandioser Textverständlichkeit) gesellt, Ekaterina Gubanova als sanfte, beim nächtlichen Dazwischenrufen vielleicht etwas sehr weit weg platzierte Brangäne und Markus Eiche als frischer, beweglicher Kurwenal.

Das Orchester vermittelte insgesamt die Rarität eines schlanken Schwelgens, alles nicht zu kompliziert und gewissermaßen die gepflegteste Version des Durchkommens. Das Vorspiel zum dritten Akt fantastisch durchgearbeitet, das Vorspiel zum ersten hingegen dermaßen gedehnt, als sollte dem Publikum Gelegenheit gegeben werden, sich zu beruhigen, bevor der nächste Akkord erfolgt. Aber die Zeit reichte dennoch nicht, und noch beim ersten großen Ausschwingen der Harmonien war viel Getümmel im Saal.

Ja, das Publikum war das mit Abstand am schlechtesten vorbereitete Kollektiv des Abends. Handys, Operngläser und noch massivere Gegenstände (Ambosse?) gingen im Minutentakt zu Boden. Vorbei auch die Zeiten, in denen man im Festspielhaus lieber erstickte als zu husten. Vereinzelt leuchtete Blitzlicht auf, und tatsächlich ist die Bühnenoptik ansprechend.

Piero Vinciguerra hat einen futuristischen, UFO-haften Bau entworfen, oben eine bepflanzte Galerie und eine schräge Decke. Durch ein riesiges Oval ist der Himmel zu sehen: erst in bayerischem Weiß-Blau, das ins Gewittrige übergehen wird, ab dem zweiten Akt eine sternklare Nacht, alles aber nicht naturalistisch, sondern unwahrscheinlich. Der Durchblick hat am Boden seine Entsprechung in einem zweiten Oval, das zunächst wie ein Spiegel und Teich wirkt, dann aber zunehmend mit selbstständigen Projektionen illuminiert und belebt wird: blutig roten Farbspielen, Strudeln, Sternenregen. Dieses Oval am Boden ist das mit Abstand actionsreichste, was Regisseur Roland Schwab zu bieten gewillt ist. Tristan und Isolde haben hier die reichlich ergriffene Möglichkeit, auf dem Boden liegend oder robbend dennoch wie in rasender Bewegung zu erscheinen, jedenfalls einigermaßen. Sanskritleuchtschrift am Rand mit dem Wort für „ewig“ und die „Krieg der Sterne“-Kostüme von Gabriele Rupprecht verweisen ohnehin in meditative und überzeitliche Gefilde.

In Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ trifft ein Minimum an Handlung – „Wehr dich, Melot!“ – auf ein Maximum an Gefühl: Liebe und Todessehnsucht, und die Reihenfolge ist wohl eher umgekehrt. Schwab steigert Ersteres noch durch weitere Reduktion. Tristan und Isolde tun praktisch nichts außer stehend, sitzend oder liegend, gehend, wieder aufstehend oder sich rollend zu singen. Dies geschieht alles nicht hektisch, aber doch beharrlich. Es wäre eine Pflicht der Ausstattung gewesen, wenigstens dafür zu sorgen, dass Stephen Gould liegend/rollend nicht an seinem Oberteil zuppeln muss. Drum herum ist etwas mehr Bewegungssprache, auf der Galerie steht man gelegentlich in riefenstahlmäßig dekorativen Silhouetten, unten werden Schattenspiele ausgeleuchtet. Ein jugendliches Paar im stummen Bild zum Vorspiel, ein altes Paar zum Liebestod sind eine weitere optische Belebung und wohl eine etwas sehr einfache Möglichkeit zu sagen, dass es auch in der Liebe ein langfristiges Glück geben kann.

Der erste Akt ist dadurch reines Ausstattungstheater. Im zweiten, für den sich das Bühnenbild ins Nächtliche verschoben hat, wird es stärker, indem Schwab die Übermacht der Todessucht scharf herausarbeitet. Schwab zeigt die Liebenden gar nicht als Paar, nicht einmal aufeinander bezogen, sondern als mit dem Weltall verschmelzende Körper. Die Schwerkraft scheint aufgehoben, abgesehen davon, dass sie auf Wasser wandeln können, eine wunderbare, in der Ausführung nur teilweise genutzte Idee – zum Beispiel im letzten Akt, wenn der (von Reihe 25 aus gesehen: merkwürdig exaltiert) trauernde Kurwenal nicht zu Tristan aufs Wasser gelangen kann, aber zart wenigstens seinen Schatten an der Wand berührt.

Es passt, dass Tristan nicht einmal pro forma bewaffnet ist, und selbst Melot, Olafur Sigurdarson mit kernigem Bariton, hat keine Waffe. Stattdessen senken sich die früh im Akt schon allmählich von oben herunterkommenden Leuchtstäbe wie Speere dem sich ihnen wie Jesus hingebenden Tristan entgegen. Nicht zuletzt ein Bild für das Licht als Feind dieser Liebe, eindrucksvoll aber vor allem in der Passivität der Figuren – als würde schon Tristan einen Liebestod sterben. Der wird bei Isolde dann ein wenig verplempert, der letzte Moment gilt dem braven alten Paar, während man doch denkt, dass Tristan und Isolde ein gemeinsames Älterwerden nie im Sinn hatten.

Es passt wiederum zum Publikum, dass der Applaus noch vor den letzten Tönen einsetzte, was eigentlich eine Disqualifizierung zur Folge haben müsste. Leider geht das nicht und wäre ja auch kontraproduktiv. Außergewöhnlich einhellig der Jubel für das Ensemble, für das Dirigat (ein „Tristan“-Dirigat ohne wenigstens vereinzeltes Buhgeschrei ist äußerst selten, sitzen doch in einem Zuschauerraum so viele „Tristan“-Dirigenten wie Trainer im Fußballstadion). Sogar die Regie bekam richtig guten Beifall.

Die Hitze im Zuschauerraum: gemeingefährlich. Im traditionell höllischen Graben, so war zu erfahren, ist inzwischen eine Lüftung installiert und herrschten beneidenswerte unter 30 Grad.

Bayreuther Festspielhaus: 12. August. www.bayreuther-festspiele.de

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