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Der Darmstädter „Orlando“ zeigt einen originellen Stilwillen. 

Staatstheater Darmstadt

Der treffliche Roland

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Choreograf Jörg Weinöhl findet einen starken ästhetischen Zugang zu Händels „Orlando“.

Ein Dauerbrenner der Popularmythologie über Jahrhunderte hinweg waren die diversen Auszüge und Bearbeitungen des altfränkischen Rolandslieds. Unter dem Schlagwort „Der rasende Roland“ regten sie Opern und allerlei arios-singspielerische Produktionen an. Die Anverwandlung Georg Friedrich Händels unter dem Titel „Orlando“, uraufgeführt im King’s Theatre am Londoner Haymarket 1733, gilt als eine des besten Arbeiten des Komponisten am Ende seiner großen Opera-seria-Zeit.

Das Staatstheater Darmstadt hat das Werk jetzt durch Jörg Weinöhl in Szene setzen lassen und dabei eine beachtliche, von gängigen Mustern der zeitgenössischen Barockopern-Inszenierung abweichende Form gefunden. Das dafür entscheidende Motiv ist die Ballett-Herkunft des 49-jährigen gebürtigen Rüsselsheimers, der in der Stuttgarter Compagnie und dann entscheidend Rollen bei Martin Schläpfer kreierte. Manch einer wird ihn noch aus Mainz kennen, in zentraler Funktion erlebte man ihn in Schläpfers „Forellenquintett“-Ballett in der Deutschen Oper in Düsseldorf. Der bis zur Unübersichtlichkeit mit Missverständnissen, Lügen, Einbildungen, Zwangshandlungen und Gewaltsamkeiten überhäufte Liebeskampf der Opernhandlung, in der Roland, der große Krieger, zum Rasenden wird, ist in Darmstadt also mit Tanzaktivitäten durchzogen. Zuständig sind drei Mitglieder der Weinöhl-Compagnie der Oper Graz (Kana Imagawa, Joao Pedro de Paula, Astrid Julen), die souverän im Gestus eines Jiri Kylián tanzen und den singenden Opernfiguren als körpersprachliches und gestisches Alter Ego beigesellt sind.

Eigentlich ist das ein mittlerweile klassisch zu nennender Kniff des Regietheaters zur Deutungslenkung, der hier aber dem stimmlich-szenischen Verhaftetsein der Protagonisten tatsächlich eine erhöhende Körperresonanz und damit deren Ausweitung beschert. Statt belehrender Überdeutlichkeit eine Öffnung der Handlung hin zu im Raum liegenden Spannungen und Strebungen, die mit dem barocken Körpertheater, seinem Stilisierungseinsatz und dessen erotischer Präsenz bestens harmoniert.

Staatstheater Darmstadt: 24., 31. Mai, 9., 14., 26. Juni. www.staatstheater-darmstadt.de

Hinzu kommen diverse Kostümschnitte und -verschnitte (sehr schön die Lagerfeld-Adaption für den Rolandgegenspieler Medoro), eine ebenso aparte wie sinnfällige Beleuchtung, die auch auf dezente Weise das Auditorium betrifft, sowie die Möglichkeit der Raumöffnung und -schließung mittels bühnenhoher Gardinen gleich falt- und verschiebbarer barocker Kulissenbildung mit fragmentarischer Bemalung. Außerdem genauer und die Proportionen nicht vernichtender medialer Einsatz. Auch bei den Schöpfern dieser Elemente des neo-barocken Gesamtkunstwerks (Bühne: Philipp Fürhofer, Kostüme: Hannah Barbara Bachmann, Licht: Thomas Gabler) merkte man, dass hier Interpreten am Werk waren, die sich vom grobsinnlichen deutschen Expressivo-Realismus fernzuhalten wissen.

Auf der Strecke blieb das kuriose Moment des blindwütigen, rasend verblendeten Roland, wenngleich die Auswahl Owen Willetts für diese Rolle mit seinem brennend-energischen Gesicht und der gesanglichen Counterhöhe ein Volltreffer war. Sehr schön die Auftritte der beiden tragenden weiblichen Rollen: die zarte, fast wie ein Rousseau-Zitat auf zwei nackten Beinen wirkende Julie Grutzka im großmaschigen Wollkleid als Dorinda und die very british gefasste Julia Giebel, die als Angelica an Maggie Thatcher erinnerte. Der Deus ex machina war mit seinem Star-Wars-T-Shirt kenntlich und mit basslichem Gesang markant: Johannes Seokhoon Moon. Medoro, der Geliebte der Orlando verschmähenden Angelica, wurde, ganz barocker Tradition gerecht, von einer Altistin, Xiaoyi Xu, souverän gesungen.

Viele Umstellungen hat man in Darmstadt bei der Anordnung der Szenennummern vorgenommen, was den Verlauf nicht unbedingt klarer machte. Dass das Stück aber im Kleinen Haus gezeigt wird, befördert die klangliche Präsenz ungemein. Das Staatsorchester Darmstadt spielte unter Michael Nündel sehr markant: genau bezogen auf die ungewöhnlichen und herben Schnittpunkte der Partitur, die das Rasen und ruckartige Herumgeworfenwerden des Helden klanglich umsetzen.

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