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Thomas Melles Avatar.

Saisonbeginn

Treffer, versenkt

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Mit drei Aufführungen starten die Münchner Kammerspiele so überzeugend wie nie in der bisherigen Ära Lilienthal.

Künstliche Intelligenz, veganes Pausen-Fingerfood, Antikenstoffe satt, getanzte Gedichte, arabische Nachtmusik, Performer. Auch Freunde des Schauspieler-Theaters kommen auf ihre Kosten: Matthias Lilienthal eröffnet mit einem Lachen seine vorletzte Spielzeit als Intendant der Münchner Kammerspiele. Und vertraut sich.

Donnerstag, Kammer 3 (die kleinste Spielstätte). Thomas Melle ist Schriftsteller. Thomas Melle hier ist ein Roboter. Zusammen mit Stefan Kaegi von Rimini Protokoll hat der Autor den Theaterabend „Unheimliches Tal/Uncanny Valley“ entwickelt, der ein tiefes Bedürfnisbefriedigt: das nach konsequenter Selbstkontrolle. Denn Melle leidet an einer Bipolaren Störung – formerly known as manisch-depressive Erkrankung. Warum nicht einen automatisierten Doppelgänger erschaffen, einen, der als Stellvertreter des Ich, als Schauspieler seiner Selbst auf der Bühne sitzt und auch Lesemarathons störfrei absolviert?

Melle wird vermessen, ein Abdruck seines Kopfes genommen. Ein Animatronik- und Robot-Team setzt alles um, fertig ist die Auslagerung des Körpers im nahezu lebensechten Avatar. Gefüttert mit der angenehm warmen Stimme Melles, der schwarz gekleidete von vorn lebensechte Automat, der am Lesetisch mit Laptop sitzt. Daneben einer Leinwand, die Filme zum Erzählten zeigt. Die Wort-Kalibrierung passt.

Mehr oder weniger gleichmäßig funktionieren. Wollen wir das? Was passiert, wenn die Mensch-Maschine anfangen sollte, die Regie des Lebens zu übernehmen? Wohltuend unaufgeregt stellt dieser einstündige Abend Fragen nach künstlicher Intelligenz und der Sehnsucht von aus den Fugen geratenen Melancholikern. Was ist eigentlich eine Theatermaschine? Parallel erzählt wird vom Mathematiker und Informatiker Alan Turing, der nach der sensationellen Entschlüsselung der NS-Kryptografie-Maschine „Enigma“ als Homosexueller chemisch kastriert wurde und sich depressiv das Leben nahm. 1950 hatte er den weltberühmten Test entwickelt, der prüft, ob jemand im schriftlichen Gespräch einen Menschen von einer Maschine unterscheiden kann. Nach der Vorstellung darf man den Melle-Roboter aus der Nähe bewundern, ein wenig schaudern, wenn man den hinten offen gelassenen Kopf mit der Kabelapparatur betrachtet.

Am nächsten Tag lädt der amerikanische Choreograph Trajal Harrell zu seiner Uraufführung „Morning in Byzantium“ in die Kammer 2. Ein Spiel mit Häutungen. Nicht nur die immer wieder leichten, fließenden, übereinander geschichteten und dann abgelegten Stoffe stehen für Verletzlichkeit und Entwicklung. Das getanzte Gedicht, mit vielen Fragmenten, ist eine Entpuppungs-Geschichte: Rilke-gerahmt („Orpheus.Eurydike.Hermes“) werden Beziehungen in Bewegung gebracht. Ausgebildete Tänzer neben Schauspielern und Tanz-Laien beschreiben wortlos Gruppen-Positionen und individuelle Projekte. Es beginnt tapsend, wundervoll strauchelnd und mündet immer wieder in halbwegs geordneten zeitlupenhaften Prozessionen auf der Bühne, die den Blick hinter die Kulissen eines Mode-Showrooms lenkt. Auf die Schwachen, die Nicht-Perfekten.

Walter Hess, dieser unverwüstliche, unprätentiös offene Ensemble-Schauspieler ist der Erzähler der dünnen Wort-Handlung, die von dritten Küssen und Storys aus dem Lande Blah-Blah berichtet. Am Ende tanzt der Skeptiker, der gerne Oversized-Jacken trägt, behände den fulminanten Lebenstanz mit, der die Zuschauer sicher nach Hause trägt.

Das Neben-In-und Miteinander von Vogueing und postmodernen Tanzformen hinterlässt auch an diesem Harrell-Abend einen deutlichen Nachklang: Versöhne dich mit dir selbst. Auch wenn du Stromkabel um den Hals und Plastiktüten auf deinem Bauch („Burlington Hotel Laundry“) trägst.

Christopher Rüping macht mit „Dionysos Stadt“ das Schauspielhaus aka Kammer 1 am Samstag schließlich zum Forum eines monströsen theatralen Reenactments – selbst das Servicepersonal trägt dazu griechisch anmutende Gewänder.

Zehn Stunden (davon insgesamt 2 Stunden Pause) Dionysien, antikes Festspiel: drei Tragödien und ein Satyrspiel. Welch fast vergessenes, wundersames Format. Teil 1: Prometheus. Ruhiges Fahrwasser, Einführung in Geschichte und Sound der Antike: von Göttern und Menschen. Rüping erzählt die Befreiungsgeschichte des Prometheus und damit die Emanzipation der Menschen von den Göttern zwar ambivalent (also auch fortschrittsorientiert), aber tendenziell eher skeptisch: „Gib ihnen das Feuer und sie bauen eine Bombe“. Wo er recht hat.

Teil 2: Troja. So laut war der Krieg selten. So musikalisch kaum. Im Zentrum der Bühne ein Schlagzeug, auf dem Matze Pröllochs rast. Der Krieg als Konzert im Energie-Modus Wacken! Der dritte Teil „Die Orestie“ eine extrem komische Soap-Tragödie. Eine schrecklich nette Familie, Papa Agamemnon, Mama Klytaimnestra, die Kinder Elektra und Orest. Mord und Totschlag, solange die Bluteimer gefüllt sind, dazwischen der nervende Familienalltag: Geh du endlich ans Telefon!

Das Satyrspiel schließlich eine Futsal-Trainingseinheit auf Kunstrasen. Doch was will uns die Reflexion auf den Kopfstoß des Fußballgottes Zinedine Zidane im WM-Endspiel 2006 sagen: Auch Götter können verrückt sein? Der Suchtfaktor ist jedenfalls riesig. Danach, draußen auf der Maximilianstraße, will man nicht nach Hause, man will mehr: Binge Watching.

Dieser hochumjubelte Abend bleibt in Erinnerung, auch wenn inhaltliche Überraschungen weitgehend ausbleiben: wegen seines sensationellen Ensembles, wegen seiner formalen Vielschichtigkeit (dazu Schenkelklopfer neben Hirnfood), des immensen Aufwands und auch wegen seiner Längen: Selten wird Zeit so schlüssig gedehnt.

Die Kammerspiele starten so überzeugend wie nie in der Ära Lilienthal: Der vielleicht manchmal etwas mühsame Anlauf in den Vorjahren hat sich gelohnt. Weiter, immer weiter.

Münchner Kammerspiele:

„Unheimliches Tal / Uncanny Vallery“:  15., 17., 30. Oktober. 

„Morning in Byzantium“: 9., 27., 28. Oktober. 

„Dionysos Stadt“: 13., 14. Oktober. www.muenchner-kammerspiele.de

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