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Es geht nämlich gemütlich bräsig zu, und dramatisch ist am Ende vor allem die Belanglosigkeit von Castorfs "Hunger".

Salzburger Festspiele

Traurig und belanglos: Frank Castorfs "Hunger"

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Frank Castorf bläst bei den Salzburger Festspielen zwei frühe Romane von Knut Hamsun zu einem Nichts auf.

Der junge, katastrophal hungrige Erzähler in Knut Hamsuns autobiografischem Roman „Hunger“ weckt mit hundert Wunderlichkeiten Neugier. Zum Beispiel ist er ständig auf der Suche nach Themen, über die sich schreiben ließe, und schreibt zwischendurch auch, teils wie besessen.

Ein Stück fürs Feuilleton, ein historisches Drama, Arbeiten, mit denen er Geld verdienen will und es möglicherweise sogar kann. Manchmal ist er dann immens zufrieden, dann wieder heillos verzagt. Die raren Außenreaktionen sind unterschiedlich, aber insgesamt ermutigend, sieht man davon ab, dass es beinhart ist, vom Schreiben zu leben. Der junge, hungrige Erzähler ist unsicher bis zum Wahnsinnigwerden, der Grundton des Buches fiebrig flirrend, auch beunruhigend unterhaltsam, wenn man bedenkt, was für ein fataler (und moderner) Zustand geschildert wird.

Seltsam also, dieses schmale Ding, dieses wirklich überraschende Ding jetzt in der opulenten Zerstückelungsmaschinierie von Frank Castorf zu erleben. Seltsamer noch, im Nachhinein betrachtet, dass man sich vorher lebhaft vorstellen konnte – lebhafte Vorstellungskraft ist auch so eine Angewohnheit des jungen, hungrigen Erzählers in „Hunger“ –, wie dieser Künstlerroman Castorf interessieren und auf Ideen bringen müsste.

Und wie dies dann nicht eintritt, jedenfalls nicht in der sicht- und hörbaren Welt, und Castorfs opulente Zerstückelungsmaschinerie stattdessen bloß wie eine Walze mit montierten fiesen Spitzen über das Büchlein gerollt ist und es ausgewalzt und zerhäckselt hat zugleich. Stimmt, in der Küche nennt man es Kaiserschmarren, und es ist bloß ein Zufall, dass dieser banale Spaß erst im Artikel steht und noch nicht auf der Bühne fällt, wo das Wort „jedermann“ mit lustig salzburgischem Tremolo gesprochen und ein Essen nachher in der „Blauen Gans“ in Aussicht gestellt wird. 

Es geht nämlich gemütlich bräsig zu, und dramatisch ist am Ende vor allem die Belanglosigkeit von Castorfs „Hunger“ bei den Salzburger Festspielen, der dafür aber fast sechs Stunden währt, der dafür aber der läppische Widerschein eines großen Castorf-Abends ist (wie es ihn doch geben muss, auch wenn alle Erinnerung an bessere Zeiten mit weggewalzt wird), der sich stattdessen allerdings offenbar nicht so vorkommt. Also: nicht belanglos vorkommt. Die politische Schärfe drückt sich in etlichen Hakenkreuzen und expliziten Zitaten des späteren Nazi-Kollaborateurs aus; für die Kapitalismuskritik gibt es einen relativ authentisch wirkenden McDonald’s im Bühnenbild von Aleksandar Denic; die erhoffte dunkel-schräge Melancholie ist ein zunehmend als Film-Ereignis verkleideter Kitsch, der nachher kaum noch eine Minute ohne Musik auskommt (Soundtrack William Minke). 

War ein Castorf-Abend womöglich immer schon wie ein gewaltiger Markenhamburger, man verschlingt ihn, aber man hat nichts davon, aber das weiß man erst eine halbe Stunde später? Sieht man einmal davon ab, dass man es in diesem Fall nicht erst eine halbe Stunde später weiß?
Nun aber im Einzelnen. Die sich im Titel der Produktion noch nicht widerspiegelnde Idee, Hamsuns „Hunger“ mit dem Folgewerk „Mysterien“ zu kombinieren, ist theoretisch fundiert: der enge Entstehungszeitraum (1890 und 1892), die inhaltlichen Bezüge (zwei aufmüpfig-scheue Gesellen, einer im Elend, der andere schon saturiert). Praktisch überleben beide Bücher das hier nicht, bleiben von ihnen Szenenfetzen und vor allem Monologe übrig. Die einen nennen es reizvoll verrätselt, die anderen borniert wurschtig gegenüber den beim Wiederlesen ja verwirrend starken Vorlagen. 

Denics drehbarer Bühnenberg für die Halle auf der Perner-Insel bietet außer dem McDonald’s eine im weitesten Sinne nordische Holzfassade mit faschistischer Inschrift und eine sorgfältig abgewrackte Bude, aus der permanent live gesendet wird. Überall zeigen sich handverlesene Plakate, die an norwegische Kollaborateure und kapitalistische Schnapsideen erinnern. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind eine Revue, nach einer Weile fragt man sich, wie viele sexy Abendkleider und Stöckelschuhe die eh toll aussehenden Schauspielerinnen noch tragen sollen – dabei aus Schmollmündern mit brüchigen Stimmen redend und rufend, vor allem rufend –, während die Schauspieler auch als Pommes und Hotdog verkleidet sind. Pommes und Hotdog stehen zugleich für den Hunger, die Kapitalismuskritik und die Ironisierung des Geniebegriffs. Dass die Ironie insgesamt im Redestrom wegschwimmt, könnte übrigens ein zentrales Problem des Abends sein. 

Die Szenenfolge ist erwartungsgemäß salopp. Beide Romanen werden ineinander geschoben. Zur Orientierung – kleiner Scherz – tragen alle knallgelbe Anzüge, als „Mysterien“ erstmals ins Spiel kommt (quittefarben die Kleidung der dortigen Hauptfigur). Der Hungernde aus „Hunger“ und der Quittegelbe aus „Mysterien“ können erwartungsgemäß immer wieder durch die Reihe gereicht werden, tendenziell nimmt sich Marc Hosemann des Hungrigen an, Lars Rudolph ist oft sein „Mysterien“-Nachfolger. Denn es versteht sich auch, dass der Abend – hier ausnahmsweise ein Späßchen für Frankfurter – eine Fliegende-Volksbühne-Produktion ist, die das Wiedersehen auch mit Kathrin Angerer, Rocco Mylord, Josef Ostendorf, Sophie Rois, Lilith Stangenberg und Daniel Zillmann ermöglicht. Sie engagieren sich einerseits enorm, andererseits verläppern die gedehnten Szenen im fast immer gleichen, zehrenden Deklamieren rasch. Das gehört dazu, aber ist das echt immer schon so langweilig gewesen? Wenn es gewitzt wird – zwei aus einer viel zu engen Dachluke palavern, und eine davon ist Sophie Rois, die trotz allem unwiderstehlich ist –, dauert es so lange, bis es garantiert fade ist. Klar, auch das gehört zu Castorfs Geschäft, aber was ist denn das für ein Geschäft? Und warum machen da alle mit? 

Zwischendurch Songs, zur Auflockerung und für die Atmo oder einfach, weil so irre viel Zeit war. Schubert hebt immer irgendwie das Niveau. Viele Zuschauer gehen ihrer Wege, aber die meisten bleiben doch da. Sie kichern über die Lokalscherze, aber mehr noch, als vom „blasierten Geschwätz“ die Rede ist. Castorf kalkuliert auch das ein, gewiss. Der Jubel der angereisten Ex-Volksbühnen-Fans ist für den, der nicht so überzeugt ist, besonders bedrückend, weil man jetzt davon ausgehen muss, dass es allen Ernstes ein guter, wenigstens normal guter Castorf gewesen sein soll. Hätte nicht Valery Tscheplanowa ein paar Plätze weiter gesessen und wäre sie nicht immer besser zu sehen gewesen, als sich die Reihen lichteten, und hätte sie nicht versonnen gelächelt, es wäre alles noch trauriger und ganz sinnlos gewesen. 

Perner-Insel, Hallein: 6., 10., 11., 13., 15., 17., 20. August. www.salzburgfestival.at

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