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Auch sie taumeln und tapern: Prinzessin Natalie und Friedrich. Foto: Wolf Silveri

Staatsoper Stuttgart

Ein Traum, was sonst?

Hans Werner Henzes „Prinz von Homburg“ in einer Inszenierung von Stephan Kimmig.

Einen besonders merkwürdigen Traum träumt der Prinz von Homburg nun an der Oper Stuttgart, wo Hans Werner Henzes Kleist-Oper auf ein Libretto Ingeborg Bachmanns zu sehen und zu hören ist. Eine von glänzend punktgenauen Dialogen lebende Musik, die Cornelius Meister mit einer traumhaften Sicherheit und Souveränität zwischen einigermaßen schroffer Modernität und astrein opernhaften Gesangslinien entlangführte. Henzes Werk bietet so viel Effekt, Schwung und Schönheit, dass die komplexe Machart – auch unter Ausnutzung von Zwölftontechnik – nicht ins Gewicht fällt, sondern zu einem leichtgängigen, geschmeidigen Ganzen wird, einer Oper mit Vergangenheit und Zukunft, wiewohl bald sechzig Jahre nach der Uraufführung historisch werdend.

Für Stephan Kimmigs Inszenierung haben Katja Haß (Bühne) und Anja Rabes (Kostüme) eine prägende Ausstattung geschaffen. In einer ausgeweideten, gekachelten Halle könnte einst geschlachtet worden sein. Gespenstisch eignen sich verbliebene Stangen aber auch für Ballettübungen.

Die nicht wirklich tänzerische, aber zweck- und weitgehend requisitenfreie Bewegungssprache Kimmigs – eindrucksvoll in der Eingangsszene, die den Prinzen auf einer hohen Leiter im Traum gestikulieren (befehligen) lässt – zielt möglicherweise darauf, das Militärische zu meiden und doch eine Welt der Regeln, des Körpereinsatzes und der symbolisch aufgeladenen Bekleidung zu präsentieren. Rabes’ Bürokleidung – der Entstehungszeit der Oper angepasst – nebst Trainingsklamotten mit uniformhaften Streifen unterstreicht das reizvoll.

Das Ensemble schwebt und tapert, swingt und taumelt großartig mit – was man sich nicht turbulent vorstellen sollte, sondern traumwandlerisch –, und auch die Wendungen ins Läppische absolviert es engagiert und stoisch. Inspiriert vielleicht von der Nächtlichkeit der Gesamtsituation, lässt Kimmig die Figuren zusehends in Unterwäsche oder Nachtkleidung auftreten. Inadäquater Aufzug ist ein klassisches Alptraumelement fürwahr, bleibt aber hier als solches weitgehend ungenutzt und letztlich Teil einer nicht besonders triftigen Theaterroutine. Zur Irritation tragen hineinflackernde Videos bei (Rebecca Riedel). Jedes Mal traut man seinen Augen nicht.

Sängerisch und darstellerisch leisten die Stuttgarter Großes. Robin Adams’ Friedrich von Homburg erweist sich als Baritonvirtuose, der seine große, schwere Stimme enorm in Bewegung bringen kann. Die Todesangst leuchtet in Ton und Augen, auch grell, auch hysterisch, und obwohl Kimmig den Prinzen überflüssig kompliziert in ein Spiegelgefängnis steckt, ist die Wirkung der Handlung durch die Figuren blank und ergreifend.

Vera-Lotte Böcker schwingt sich als Natalie in unerhörte Höhen, die sie atemberaubend bewältigt. Zart, agil, dabei eisern entschlossen und mit einem Bände sprechenden Gesicht behauptet sie sich zwischen den stumpferen Soldatentypen. Stefan Margita führt sie als Kurfürst und markanter Tenor an, an seiner Seite Helene Schneiderman als stoische Kurfürstin, die einzige, die nicht in ihrer Rolle debütiert.

Das Schlusssignal für eine bessere Welt, ein „Wir“ der „Freiheit“, „Diversität“ usw., auf Pullis gestickt und in Schals eingestrickt, wird so infantil dargeboten, dass man am Ende verlegener zurückbleibt, als es der Abend verdient hat.

Oper Stuttgart: 20., 22., 29. März, 6. April. www.oper-stuttgart.de

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