Pas de trois mit (v. l. n. r.) Yohanna Schwertfeger, Corinna Kirchhoff und  Felix Rech.
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Pas de trois mit (v. l. n. r.) Yohanna Schwertfeger, Corinna Kirchhoff und Felix Rech.

Schauspiel Frankfurt

Ein Traum, was sonst?

Michael Thalheimer setzt Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ am Schauspiel Frankfurt groß in Szene.

Die Schlacht von Fehrbellin ist ein gewaltiges Donnern und Knallen aus den Boxen, so dass im 4D-Theater die Sitze vibrieren. Kann eine Baustelle auch, sagen die einen, den anderen fällt aber wieder ein, dass Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg berichteten, das sei neben der Todesangst das Schlimmste: der unerhörte, nicht endende Lärm.

Im Getöse ist es dunkel und etwas theaternebelig, darin wird aber nicht das übliche Herumgehusche geboten. Stattdessen treten langsam einzelne Männer hervor, verzerrt die unwahrscheinlich blutverschmierten Gesichter oder gelähmt vor Schreck. Ein Mann zittert, einer steht bloß rum. Kottwitz, der Haudegen, wirkt an sich ruhig, aber er kaut Kaugummi wie ein Verrückter. Wirklich verrückt ist jedoch der Homburg, eher hysterisch als enthusiasmiert, dazu auch sexuell erregt. Das Thema militärischer Mut & Gehorsam löst sich in eine etwas peinliche Privatangelegenheit auf.

Ein Alptraum natürlich, diese stilisierte, artifizielle, auch ästhetisch ansprechende, aber weiß Gott nicht harmlose Schlachtenszene, ein weiterer Alptraum. Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ kommt am Schauspiel Frankfurt aus dem Träumen nicht heraus. Das ist in der Kleist-Rezeption nicht direkt originell – Friedrich ist so offensichtlich ein Träumer, dass er selbst ja nicht weiß, wo der Traum anfängt und wo er aufhört, und manche Aufführung lässt sich das nicht entgehen –, aber doch originell ausgeführt. Regisseur Michael Thalheimer hat den jungen Mann in diese Lage gebracht, lässt ihn zappeln und zagen und lange in der Luft hängen, was nicht im übertragenen Sinne gemeint ist.

Um ihn herum das punktuell für ein scharfes Chiaroscuro ausgeleuchtete Schwarz der Bühne von Olaf Altmann – Malerei kann dem Betrachter auch einfallen, weil es wahrlich ein Theaterabend der Gesichter ist. Was man auf den flüchtigen Blick für den noch heruntergelassenen Eisernen Vorhang halten kann, ist auf den zweiten ein bühnenhoher Zylinder, der sich wegdrehen lässt und dann den Blick auf weiteres uneingerichtetes Schwarz gibt.

In dieser unheimeligen Umgebung darf sich 105 pausenlose Minuten lang kein Arm bewegen, ohne dass der Regisseur es will, und er will es nicht sehr häufig, aber gezielt. „Der Prinz von Homburg“ ist durchgefeilt fast (nicht ganz) bis ins Letzte, so ist man es von Thalheimers Frankfurter Arbeiten gewohnt. Hier kommt einmal, nach Ibsens „Nora“ und im Gegensatz zu Kleists „Penthesilea“ aus der vergangenen Spielzeit, wieder die weniger archaische Variante. Die kurfürstliche Welt wirkt erstarrt und marionettenhaft – manchmal sind es wirklich lebende Marionetten, grandios durchgeführt, viel Rampensprechen gehört dazu. Aber zugleich und der Stilisierung und Ästhetisierung zum Trotz oder zur sinnigen Begleitung sind Individuen in allzu menschlichen, weitgehend enthistorisierten, psychologisch durchgehörten Situationen zu erleben.

Das Frohgemute und die Verzweiflung: Friedrich, der noch denkt, der Kurfürst werde ihn niemals fallenlassen (so vertrauensvoll, wie nur eine Kleist-Figur vertrauen kann), und dann denkt er es nicht mehr. Oder die Worte, die man so dermaßen ehrlich sagen möchte und selbst überhaupt nicht glaubt: Natalie, wenn sie Homburg berichtet, dass der Kurfürst ihn begnadigen wird, so er nur erklärt, ihm sei Unrecht geschehen. Und sie weiß doch längst selbst, wie unmöglich genau dies dem Prinzen sein wird. In einer kondensierten, auch durchaus aus ihrem Zusammenhang genommenen Reinform treten diese Augenblicke an uns heran und feiern die verzwirbelte, komplizierte, armselige, großartige Menschlichkeit.

Mehr Stellungnahme und etwas weniger Stellung

Nicht dass das in jeder Szene gelänge. Mal ein Kuss, als hätte sich in dem Moment einfach nichts anderes ergeben. Öfter mal ein unbegreifliches Geschrei, während doch der Eindruck entsteht, auch Kleists perfekte Sprache solle zu ihrem Recht kommen und nicht zuletzt verstanden werden. Gar nicht unbegreiflich hingegen sind Homburgs Exaltationen, die an die geradezu tänzerische Beweglichkeit der Frankfurter Nora erinnern. Die bloßgelegte Seele zappelt vor Aufregung, vor Lebensgier, vor Unbehagen und vor Angst.

Felix Rech ist der Schlaks, der da zuckt und baumelt, die Beine und Arme lang und maximal schnell und gelenkig. Ein schöner Mensch, aber auch rührend unsouverän und mit so offenem Visier, als hätten auch seine Augen keine Lider (was bei Kleist nie auszuschließen ist). Bekleidet ist er, der überwache Schlafwandler, durchweg mit einem dürftigen weißen Hemdchen (Kostüme: Nehle Balkhausen). Nach der Schlacht von Fehrbellin ist es mit Blut wie übergossen. Er hat auch keine Möglichkeit, es zu wechseln. Direkt mit seiner Festnahme – nach rechtswidrig gewonnener Schlacht – verliert er den Boden unter den Füßen und hängt bis zur Schlussszene zusammen mit seinem Leben am seidenen Faden von der Decke.

Um ihn herum eine intensive Schauspielerpräsenz, wobei sich die Akteure kaum näher kommen dürfen. Corinna Kirchhoff ist eine grandiose Kurfürstin, die fast nur aus überspanntem Gesicht besteht. Ihre Ohnmacht angesichts des möglichen Todes des Kurfürsten ist ein Pas de trois mit Homburg und Natalie, die ihr äußerst buchstäbliches Zu-Boden-Stürzen in Zeitlupe bringen, aber nicht aufhalten. Auch Natalie trägt feines Unterzeug, in Yohanna Schwertfegers Darstellung ist ihr Friedrichs Aufgeregtheit fremd, nicht aber eine zum Äußersten bereite, also Kleist’sche Entschlusskraft.

An Kirchhoffs Seite, aber auch nur lose mit ihr verbunden steht ihr „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“-Partner Wolfgang Michael als Kurfürst. Alles Preußische kommt abhanden, wenn ein spöttischer Zottelkopf es ist, der maulig und mit geschürzten Lippen auf Gehorsam besteht. Nur noch die blauen Uniformen, nachlässig getragen, sind übrig vom Drill, auch für die Heeresleute. Ein mächtiger Federhelm belebt den Schattenwurf, der sich links und rechts der viel benutzten Rampe zeigt. Prächtige Typen, aber unverhohlen Typen: Martin Rentzsch als Kottwitz, Stefan Konarske als Hohenzollern und Alex Friedland als Golz.

Das Ende: zwiespältig und ein wenig flau. Vielleicht wäre etwas mehr Stellungnahme und etwas weniger Stellung dafür gut gewesen. Vielleicht erwartet man an einem so entschlossenen Abend mehr Entschiedenheit im Umgang mit dem Kleist-Ende. Vor allem wäre Thalheimer vielleicht zuzutrauen, auch das noch, eigentlich das Unmögliche – Alpdruck, Rettung, nationale Aufwallung im Sekundentakt – ins Bild zu erzählen. Bert Wredes Musik aber, die über den Abend eine auf- und abebbende, bisweilen pulsierende Windchor-Geräuschkulisse legt, pulst jetzt immer weniger, bis sie und mit ihr die Zeit stehenbleibt. Ein Tableau ist dazu zu sehen, in dem zwar noch klassisch erklärt wird, es sei ein Traum (was sonst?), aber das ist in Frankfurt nur eine Phrase vor der endgültigen Vereisung. Ebenso wie sich Natalie zwar kurzerhand die Kehle durchgeschnitten hat, aber offenen Auges weiter mitspricht: Sieg, Sieg, Sieg. Das sind die letzten Worte, kollektiv gewispert. Ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann man wohl annehmen, dass die Feinde Brandenburgs vor diesem kurfürstlichen Reich nicht zittern müssen.

Der Premierenbeifall ist freundlich, aber nicht so euphorisch, wie es Thalheimer in Frankfurt schon begegnete. Der Regisseur winkte ins Publikum, noch ist es glücklicherweise jedoch nicht der womöglich endgültige Abschied. Für nächsten Juni – zum Ende der letzten Spielzeit von Intendant Oliver Reese – wurde uns noch ein „Oedipus – Vor der Stadt“ als Thalheimerische Freiluftvorstellung versprochen.

Schauspiel Frankfurt: 17., 18. November, 8., 9., 12., 14., 16. Dezember.

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