+
Das Gemälde und die Rahmenhandlung. 

Maifestspiele

Der Traum der Leserin

  • schließen

Rossinis „La donna del lago“ szenisch ausgeflippt und musikalisch festspielwürdig am Staatstheater Wiesbaden.

Gioachino Rossinis „Dame vom See“ ist insofern ein Geheimtipp, als viele noch nicht wissen, wie enorm diese Oper ist, andere aber bereits milde lächelnd ins Staatstheater Wiesbaden einschwebten. Zweiteres entsprach dann auch der Lage. „La donna del lago“ ist ein von den heiteren Krachern zu Unrecht etwas weggedrücktes Melodramma aus dem Jahr 1819, mit farbenreichen Einfällen, fabelhaften Ensembles und einem furiosen sowie kuriosen Tenor-Wettstreit, wie er dann weitgehend aus der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts verschwand.

Die Handlung: unübersichtlich, aber es geht um die Liebe und den Krieg in den Highlands. Das Libretto fußt auf der gleichnamigen Verserzählung von Walter Scott und eröffnete der italienischen Oper eine neue, wildromantische Stoffwelt (was keine zwanzig Jahre später seinen Höhepunkt in Donizettis „Lucia di Lammermoor“ fand).

Zu sehen war bei den Maifestspielen eine Produktion der Opéra de Lausanne in Zusammenarbeit mit dem Nationaltheater Zagreb (von dort kamen das sehr gute Orchester und der etwas grobkörnige Chor). Max Emanuel Cencic, künstlerischer Leiter des ebenfalls beteiligten Unternehmens Parnassus Arts Productions und dadurch dem interessierten Wiesbadener Festspielpublikum bereits wohlbekannt, führte Regie. Zudem sang er originellerweise den edlen, wiewohl etwas aufbrausenden Malcolm, eine attraktive Hosenrolle, in der sich Cencics metallischer, technisch brillanter Countertenor überzeugend, wenn auch unsanft einpasste.

Cencic ist ein fantasievoller und von Haus aus sängerfreundlicher Regisseur, und seine Arbeiten belegen, dass das kein Rampensingen nach sich ziehen muss. Auch „La donna del lago“ folgte den Regeln seiner Barockinszenierungen, war verspielt, humorvoll und ungemein beweglich. Weitgehend funktionierte das. Glänzend die Idee einer Rahmenhandlung, einer buchstäblichen, indem eine Dame von Welt sich in einen Roman vertieft und eben dadurch das opulente Historienbild im prächtigen Rahmen lebendig wurde. Nur dass es sich nicht wirklich um ein Historienbild handelte, sondern um eine halbseidene Salongesellschaft. So prächtig, sinnlich und auch detailliert die Ausstattung von Bruno de Lavenère anmutete, so erschwerte das Schlüpfrige es doch, das Schmachten, Wüten und Leiden einleuchtend zu gestalten. Jedoch war es ein Riesenspaß.

Das lag an den Akteuren auf der Bühne, die der Situation völlig gewachsen waren, und es lag an der musikalischen Leistung unter George Petrou, den man (sei es in Wiesbaden, sei es in Karlsruhe) leichter als Barockspezialisten kennenlernen kann. Aber auch die behände, filigrane Rossini-Musik ging ihm von der Hand. Dem Orchester entlockte er Finessen. Das Ensemble war festspielwürdig: Neben Cencic rangelten in Wiesbaden Daniel Behle und Antonio Garés als verkleideter König Giacomo V. und Clan-Führer Rodrigo um die Gunst der Titelheldin. Beim bereits erwähnten Duell der Tenöre konnte der junge Spanier Garés mit dem ausgezeichneten deutschen Kollegen gut mithalten, zwei fitte, lyrische Stimmen, die vom Komponisten in hysterische Anwandlungen hoher Schwierigkeitsgrade gezwungen werden. In einer gewitzten Szene ließ Cencic es sogar zum veritablen Boxkampf kommen, auch hier schlugen sich die jungen Männer so blendend, wie wir es bei doppelten Tenören wohl noch nie sahen. Nian Wang war die bezaubernd zwitschernde, vielleicht stimmlich etwas sehr leichte Elena. Am Ende kehrten Rahmen und Rahmenhandlung zurück. Cencic gönnte sich und uns noch den reizvollen Einfall, dass die begeisterte Walter-Scott-Leserin mit dem Rodrigo-Sänger verheiratet ist, den sie eigentlich soeben glücklich loswurde. Träumereien.

Die Oper Frankfurt eröffnet die kommende Spielzeit mit „Otello“, einer weiteren Rossini-Rarität, und setzt im Spielzeitverlauf noch „La Gazzetta“ (im Bockenheimer Depot) und schließlich „Bianca e Falliero“ drauf, im selben Jahr uraufgeführt wie „La donna del lago“. Schon ist man ungemein in Stimmung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion