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Trajal Harrell eröffnet die Wiesbaden Biennale: Barfuß wie auf Highheels schreitend

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Von: Marcus Hladek

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Momente tänzerischer Lebensfreude.
Momente tänzerischer Lebensfreude. Foto: Trajal Harrell © Trajal Harrell

Trajal Harrell eröffnet die Wiesbaden Biennale

Um Hatemails zu erhalten, braucht es wenig. Es genügt zu sagen, Donald Trump sei nicht das größte Genie auf Erden oder Putins Reiter-Maskulinität arg inszeniert. Kilian Engels, Kurator der Wiesbaden-Biennale 2022, verdiente sich die Hasspost-Sporen einfach durch sein Festivalkonzept. Im FR-Interview zählte er dazu das Anliegen, aus Entwicklungen wie der Black-lives-matter-Bewegung und dem postkolonialen Bewusstsein Konsequenzen zu ziehen. Manchen „proud boy“ scheint aufzubringen, dass sich Engels’ Biennale auf eine „transformative Beziehung zwischen Transmaskulinen“ beruft. Womit wir fast beim Eröffnungs-Tanzstück „The Köln Concert“ von Trajal Harrell wären.

Nur eins noch. Wie fruchtbar Engels’ Konzept sein kann, die Biennale um „andere Menschen“ kreisen zu lassen als gewohnt, machte der Eröffnungsvortrag der Architektin Tazalika M. te Reh deutlich, die im Foyer des mit Kaiser Wilhelm II. verknüpften Staatstheaters ebendieses Foyer aufs Korn nahm. Besucher vom 3. Rang durften einst nur von außen reingucken; das Parkett war Adel und Großbürgern vorbehalten. Ein baulicher Spiegel des preußischen Dreiklassenwahlrechts also.

Da macht es Sinn, wenn Engels‘ Biennale im Staatstheater bleibt: um es radikal zu öffnen. Ob es aber der richtige Weg ist, „reguläre“ Sprechtheaterstücke und Ballette zu meiden, die Engels für vielfach homophob und frauenfeindlich hält? Sein Gruß an Ex-Intendant Manfred Beilharz im Foyer nahm da bittere Süße an. Beilharz hatte die Biennale (damals Bonn) vormals als Europas Dramen-Vermittlungs-Messe mit Scouting-Netzwerk, Stückabdrucken und Simultanübersetzungen gegründet. Perdu.

Nun also „The Köln Concert“ von Trajal Harrell. Zu sehen, unter Neonröhren, sind anfangs nur sieben Klavierhocker und der afroamerikanische Choreograf im hochgekrempelten weißen Hemd und schwarzer Hose, der ein Négligé-artiges Kleidchen vor sich am Hals trägt, während er vorn in der Ecke steht und wartet, bis die letzten Nachzügler sitzen.

Das Stück beginnt nicht mit Keith Jarretts legendärem Konzert von 1975 in der Kölner Oper, vielmehr treten vier weitere Tänzer und zwei Tänzerinnen Lied um Lied, dann rascher zu vier Songs von Joni Mitchell auf: „My Old Man“ und „The Last Time I Saw Richard“, „River“ und „Both Sides Now“. Thibault Lac trägt dabei einen Pelzmantel, Titilayo Adebayo: übergroßen Rock, Maria Ferreira Silva: schwarz-roten Umhang. Songhay Toldon hat ein Stoffbündel am Bauch und Nojan Bodas Mair trägt etwas Uniformartiges. So vergehen zwanzig Minuten.

Beide Musiker zählen zu Harrells Lieblingen, wie er auch im Choreografischen nicht auf große Suche geht, sondern ihm Vertrautes aufgreift und damit zum Selbstausdruck findet: mit Phänomenen wie dem „Voguing“, Butoh und Stilzitaten aus Modern Dance und so fort. Voguing hieße in Begriffen alter Moraltheologie soviel wie weibisches Gebaren: eine satirisch-überbetonte, an Dragqueens erinnernde Version weiblicher Laufsteg-Bewegung. Wie auch die Kostüme an die homosexuelle Klubszene erinnern mögen, so gleicht hier manches dem spezifischen Bühnenhumor eines Tony Rizzi. Auch darum sollte man Harrells „Köln Concert“ nicht mit akademischer Ehrfurcht angehen.

Keith Jarretts Konzert, das er auf einem verstimmten Bösendorfer spielen musste und mit einem Echo des Pausengongs der Kölner Oper begann, ist die Verkörperung zeitgenössischer (Jazz-)Improvisation geworden: eine Glorifizierung des freien Flusses eingängiger melodischer Motive mit ostinatohaften Wiederholungen und meditativen Klangflächen, erlösenden Momenten und Stimmungen der Lebensfreude und tänzerischem Klangspiel.

Die Tänzer mögen merkwürdig verrutschte, übergroße und -kleine Pseudo-Abendkleider tragen wie Models nach neun Stunden Afterparty, diese Struktur aber übersetzen sie sehr gelungen, inklusive jener Momente, die man sich als „Peanuts“-Begleitmusik vorstellen könnte. Barfüßig staksen sie auf gedachten Highheels; einer sitzt nicht einfach, sondern verkörpert die Pose eines Jupiter Pantokrator. Einer torkelt viel, auch gibt es eckige und stockende Bewegungen und so fort. Unter der Schale muten sie empfindlich und übervorsichtig an, was die mähliche Entstehung von Struktur umso berührender macht.

Wiesbaden Biennale: bis 11. September. www.staatstheater-wiesbaden.de

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