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„Bergung“: Mira Benser, hier als revolutionär eingestellte Musikerin Johanna Kinkel. 
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Mira Benser, hier als revolutionär eingestellte Musikerin Johanna Kinkel. 

Staatstheater Wiesbaden

Tom Stoppard „Schiffbruch“ und „Bergung“: Der geschlagene Revolutionär

  • VonAndrea Pollmeier
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„Schiffbruch“ und „Bergung“: Tom Stoppards „Utopia“-Trilogie nun vollständig in Wiesbaden.

Der britische Dramatiker Tom Stoppard hat sich in der opulenten Trilogie „Die Küste Utopias“ mit Fragen des Widerstands gegen autoritäre Herrschaftsformen auseinandergesetzt. Vor allem die Phase, in der demokratische Systeme nach der Französischen Revolution in Europa erste Wurzeln schlugen, interessiert ihn. Er teilt diese Zeit in seinem Stück in „Aufbruch“, „Schiffbruch“ und „Bergung“ ein.

Am Staatstheater Wiesbaden wurde der erste Teil der Trilogie bereits vor Beginn der Pandemie realisiert, nun durfte Regisseurin Henriette Hörnigk endlich auch die anderen beiden Teile als deutschsprachige Erstaufführung (Übersetzung: Wolf Christian Schröder) auf der Bühne im Kleinen Haus inszenieren.

Stoppards Analyse ist ein Blick zurück im Zweifel. Denn die theoretischen Diskurse und die Missstände in der Gesellschaft haben sich nach fast zweihundert Jahren nicht wesentlich geändert. Dementsprechend zeitlos nüchtern ist das Ambiente der Inszenierung. Auf Gisbert Jäkels Bühne gibt zu Beginn ein quadratisches Fenster in der Rückwand den Blick in eine leere Zukunft frei, rechts und links sind ähnlich große Öffnungen zunächst durch Gemälde verstellt. Die Bilder, die jeweils ein Getreidefeld und einen Wohnraum zeigen, geben Hinweis auf die einflussnehmende gesellschaftliche Umgebung mit ihren Werten und Statussymbolen.

Die Kluft zwischen Stadt und Land, Bauern und Adel, Revolutionären und Arbeitern prägt das Geschehen. Verkörpert wird dieser Widerspruch vor allem in der Figur des Alexander Herzen (Matze Vogel), der nun nicht mehr als künftiger Revolutionär (1. Teil) auftritt, sondern als revolutionärer Schriftsteller gilt und mit seiner Familie den Sommer wenige Meilen von Moskau entfernt auf einem Adelsgut verbringt.

Hier kommen die Gegner des Zarenreichs zusammen und debattieren, in Weiß gekleidet, niemand darf sich schmutzig machen, auch die Kinder nicht. Schon diese erste Szene legt – nach Teil 1 – erneut den Finger auf die Wunde dieser revolutionären Bewegung. Als Profiteure des adeligen Milieus sind sie der Arbeiterschaft zu fern, wahrhafte Gleichstellung der eigenen Dienerschaft ist nicht erwünscht.

Ein kränkender Ton hat sich inzwischen in die internen Auseinandersetzungen eingeschlichen. Man streitet über die Qualität des Kaffees. Die Freundschaft zwischen Herzen und dem Dichter Nikolaj Ogarjow (Linus Schütz) droht daran zu zerbrechen. Übertrieben hitzig, mit einer Axt in der Hand, wird dieser Konflikt über Banales ausgetragen und nur durch das zufällige Eintreffen eines Briefboten abgewendet.

Mit sich selbst beschäftigt

In zahlreichen Szenen skizziert Stoppard dieses vornehmlich mit sich selbst beschäftigte Milieu. Zahlreiche Dichter und Philosophen wie Iwan Turgenjew (Philipp Steinhäuser), Michail Bakunin (Paul Simon) und Karl Marx (Christina Tzatzaraki) werden in das Geschehen dieser Zeit zwischen 1846 und 1852 eingebunden und bilden das theoretische Gerüst des Stücks. Hörnigk folgt der Vorlage Stoppards und spiegelt dabei unterhaltsam karikierend revolutionäres Gehabe inmitten familiärer Strukturen wider.

So werden zwar einerseits auch die starken und einflussreichen Frauen an der Seite der Intellektuellen sichtbar, als philosophische Ideenträgerinnen treten sie jedoch leider in den Hintergrund. Natalie Herzen (Mira Benser) und Natascha Ogarjow (Maria Wördemann) werden beispielsweise als Geliebte, Gelangweilte und Überforderte sichtbar, intellektuelle Stärke ist eher bei den Bediensteten wie Malwida von Meysenbug (Lina Habicht) zu finden. Herausragend gelingt es Matze Vogel im 2. Teil und Linus Schütz im 3. Teil, das Zusammenwirken von revolutionärem Elan und emotionaler Instabilität erkennbar zu machen.

Erstaunlich blass bleibt bei Stoppard die Rolle von Marx inmitten des Geschehens. Selbst, als Herzen von Frankreich nach England zieht, wird Marx nur in kritisch herablassenden Sequenzen sichtbar. Für diese Distanzierung hat die Inszenierung einen geschickten Weg gewählt. Marx tritt – mit weiblicher Stimme – hinter einer übergroßen Kopfmaske auf (Kostüme: Claudia Charlotte Burchard). Sein wahres Gesicht ist in diesem Umfeld nicht zu ermitteln.

Der Weg von Herzen wird selbst im 3. Teil, wo man doch auf „Bergung“ hofft, auf ein Scheitern zuführen. Herzen fällt immer mehr in Apathie. Mit hängenden Schultern und ausgebeulten Cordhosen steht er im Raum, um ihn herum wächst eine Aura der Trostlosigkeit. Das Vakuum füllt der körperlich geschwächte, aber geistig wache Freund Ogarjow, Linus Schütz gibt dieser kontrastvollen Persönlichkeit auf herausragende Weise Ausdruck. Bis zum Schluss gelingt es so, der Dramatik dieser revolutionären Reise nachzuspüren.

Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus: „Schiffbruch“ am 1. Juli, „Bergung“ am 2. Juli. www.staatstheater-wiesbaden.de

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