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Tolstois 2000-Seiten Roman „Krieg und Frieden“, dargeboten von schwarz und weiß gekleideten Schauspielern des Leipziger Centraltheaters auf einer hin und her und auf und ab wankenden Hebebühne.

Theatertreffen „Krieg und Frieden“

Tolstois Text als Knetmasse

„Krieg und Frieden“ vom Centraltheater Leipzig: Am Ende brandet nicht nur der hoch verdiente Applaus auf, sondern auch ein engagierter Chor Buhs.

Von Doris Meierhenrich

Geht es bergauf oder bergab? Das ist die erste, eigentlich auch die letzte Frage, die sich an diesem Abend stellt, denn man sitzt vor einer riesengroßen Bodenschräge. Zuerst ist sie nur hinten angehoben, über fünfeinhalb Theaterstunden hinweg aber wird sie noch in alle erdenklichen Schräglagen wechseln: von der Seite, von vorne, von diagonal halbmittig rechts bis diagonal halbmittig links abfallend – oder eben umgekehrt: aufsteigend. Natürlich, die Frage erübrigt sich, sobald ein Mensch auftaucht. Denn natürlich kommt er entweder von der Hochseite wie über eine Mauer geklettert und rutscht oder rollt abwärts. Oder er kommt bequem von unten und steigt mühsam in Gegenrichtung. Und trotzdem jeder Auftritt klar entscheidet, wohin es geht, bleibt die Frage doch bis zum Ende unentschieden.

Aufwärts oder abwärts? Genau wie das „Ja oder Nein?“, das der alte Fürst Bolkonski missmutig ausstößt, als er seine zögernde Tochter Maria endlich zur Entscheidung drängt über die Heiratsanträge des Draufgängers Anatol. Ja oder Nein? Immer wieder stellt sich diese Frage umwegweglos – bei den Bolkonskis und Rostows, den Napoleons und Alexanders, auf den Schlachtfeldern von Austerlitz und Borodino und in den russischen Privatsalons – immer wieder wird sie klar entschieden und immer wieder falsch entschieden.

Der Knopfdruck des Technikers

Denn klare Verhältnisse gibt es in Tolstois zweitausend Seiten Roman „Krieg und Frieden“ nicht, allenfalls immer feinere Annäherungen an die Vielfalt der Beweggründe, aus denen Entscheidungen entstehen. Und wie verhält sich der willensfreie Knopfdruck des Technikers an der Hubtechnik zu den ineinander greifenden Rädchen des größeren Maschinenzusammenhangs, in dem dieser Knopfdruck steht?

Ja oder Nein? Je tiefer man sich in das Tolstoiuniversum liest, desto klarer wird, dass es zwar immer ein „Ja“ und ein „Nein“ gibt, aber im Grunde kein „Oder“. Und deshalb ist an diesem Theaterabend auch so richtig, dass all seine Figuren in das Doppelprinzip Schwarz-weiß gekleidet sind, und auch, dass am Ende nicht nur der hoch verdiente Applaus aufbrandet, sondern auch ein engagierter Chor Buhs.

Theatertreffentauglichkeit

Beste Theatertreffentauglichkeit also. Einfältige Sympathie wäre auch geradezu undankbar gewesen gegen diesen viel wagenden, viel gewinnenden und auch viel verlierenden Abend. Eine Art konzentrierter Zerrissenheit ist sein Prinzip, das nicht „Krieg und Frieden“, sondern „Krieg“ und „Frieden“ neu zusammensetzt. Zerrissenheit daher auch sein Lohn und kurz streift einen dabei sogar mal jener Hauch des einst so gefürchtet engagierten Theatertreffen-Publikums, von dem Memoiren berichten.

Es ist die Antwort auf eine Ja-Nein-Inszenierung, die dieser Leipziger „Krieg und Frieden“ ist: Eine bildstarke Inszenierung zum Freuen und Ärgern, zu der man sich im Laufe des Abends durcharbeiten muss, weg von jeder Romanfixiertheit im Kopf, weg von der Vielfalt und Feinheit der Charaktere, hin zu einer figurenfreien Rede-Werkstatt, zum Text als Knetmasse, die Ereignisse thematisch verknäult, egal ob sie 1805 spielen oder 1813.

Das klappt bei der „Kriegs“-Knete besser als bei der „Liebes“-Knete, doch sucht Sebastian Hartmann in allem die Analyse der Geschichte und ist damit ganz nah bei Tolstoi selbst. Historiografie, sagt der, ist nichts, wenn sie nicht das scheinbar Belangloseste des Privaten miteinbezieht.

Und wenn auf der Schräge dann der kleine Napoleon, dargestellt von der glasknochenkranken Jana Zöll, an der Brust eines Soldaten saugt und beißt wie ein gieriges Kind, ist das so eine treffsichere Verdichtung, für die Tolstoi Kapitel brauchte. Dennoch fehlt diesem bildstarken Mille-Plateaux-Theater sein Gegenstück: die eine Person, die sich, statt immer sofort in viele aufzulösen, zu behaupten versuchte. Der Zupacker, als der sich Hartmann mit seinem souveränen Zugriff selbst erweist – hinter der Bühne.

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