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Hermann Schmidt-Rahmer.

Mit Rechten reden

"Toleranz gegenüber der Intoleranz wäre falsch"

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Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer spircht in der Frankfurter Rundschau über Political Correctness und die Frage, worüber man mit Rechten reden sollte.

Herr Schmidt-Rahmer, ein Lieblingsfeind der Rechten ist die Political Correctness. Als Hochschullehrer machen Sie auch selbst die Erfahrung, dass Studenten dem Safe Space in der Bibliothek mitunter mehr Aufmerksamkeit widmen als dem politischen Tagesgeschehen. Ist Political Correctness Eskapismus? 
Natürlich haben die Bemühungen der Political Correctness, durch Reglementierung von Sprache gesellschaftlich zu intervenieren, ihre Berechtigung. Ich habe aber das Gefühl, dass diese Art des politischen Handelns eher Reaktion auf eine Überforderung ist. Im Gegensatz zu meiner und meiner Vorgängergeneration, die ein klares linkspolitisches Weltbild und dadurch einen Schlüssel hatten, sich Welt immer erklären zu können, ist die Bedrohungslage heute so ungreifbar und so plural, dass es eigentlich unmöglich ist, einen überzeugenden Standpunkt zu finden. Die Political Correctness dagegen, die an der Universität durchexerziert wird, ist spürbar wirkmächtig. Da kann ich hingehen und am konkreten Gegenstand intervenieren und in einer autoritären Weise moralisch bestimmen: für meine Position darf nur ich sprechen!

Haben wir das produziert? Das sind ja unsere Kinder!
Es gibt eher so etwas wie ein geschichtliches Pendel, und das schlägt gerade weltweit in eine Politik des Gefühls um und in eine Erosion des Aufklärerischen und des vernunfthaften Denkens: Wenn zum Beispiel der amerikanische Wähler definitiv gegen sein eigenes soziales Interesse wählt, aber dafür von Donald Trump ein sehr starkes Gefühl der Überlegenheit als Gegenleistung bekommt, dann ist das etwas ähnliches. Tja, und ob wir selbst das produziert haben – die landläufige Erklärung für diese Art von Gefühlspolitik ist, dass diese ein Produkt der postmodernen Philosophie ist, des Anything Goes und der multistandpunkthaften Legitimierung von allem und jedem.

Im „Volksverräter!!“ imaginieren Sie einen Sieg deutscher Rechtspopulisten und enden mit einem Bild der neuen Herrscherfamilie in grotesker Donald-Trump-Pose.
In den USA sind die Grenzen der dauerhaften Funktionsweise von Demokratie erreicht. Offiziell gibt es noch ein parlamentarisches System, aber die Art und Weise wie Menschen da in Machtpositionen kommen, hat mit Repräsentation von Bevölkerung gar nichts mehr zu tun. Was aber finstererweise egal ist, weil ein Trump’sches Regime es schafft, durch den permanenten Skandal und die Tabuverletzung so viel Entertainment in die Politik zu bringen, dass sich die wenigen kritischen Linken, die es noch gibt, ununterbrochen mit diesen Skandalisierungen beschäftigen, während nirgendwo darüber berichtet wird, was die Leute in der zweiten Reihe machen. Dass sich fast die gesamte Regierung aus Milliardären zusammensetzt, die sich Gesetze passgenau für ihre eigenen Konzerne zuschneiden können. Die Bildungsministerin schafft das öffentliche Bildungssystem ab für ihre Buddys, die an den privaten Schulen verdienen können, im Umweltministerium sitzen Öl- und Kohle-Lobbyisten – darüber wird nirgendwo berichtet, weil vorne der Donald jeden Tag einen Kackhaufen auf den Schreibtisch setzt. Und wir Doofen reagieren darauf. Da hat das Populärpolitische einen Kniff gefunden, die Demokratie komplett ad absurdum zu führen. 

 Da sind wir dann selbst die politisch Korrekten, und die Rechten, die sich scheinbar darüber empören, spielen darauf geschickt wie auf einem Lieblingsinstrument. 
Ja. Von Anfang an haben wir uns viel mehr über die Sprache der AfD-Leute aufgeregt als über deren Inhalte. Die AfD wäre sehr leicht politisch anzugreifen, wenn man öffentlich mehr über das Parteiprogramm sprechen würde, das von einem Hardcore-Neoliberalismus geprägt ist und nichts mit der wärmenden Jacke des Staates zu tun hat, die sich vielleicht der ostdeutsche Wähler erhofft: dass mit der AfD eine DDR light wiederkommen könnte. Statt dessen steht da Abschaffung der gesetzlichen Unfallversicherung, Abschaffung der Erbschaftssteuer, Privatisierung der Renten- und Arbeitslosenversicherung und so weiter. Das ökonomische Programm der AfD ist eine Politik für den oberen Mittelstand. Aber wir sprechen nur über die Pöbeleien und speicheln in den Talkshows wie die Pawlow’schen Hunde zum hundertsten Mal auf deren Untergriffe gegen den Islam. Anstatt zu fragen: Wieso wollt ihr eigentlich, dass auch der kleinste Arbeiter für seine Rente mit Aktien spekulieren soll! Es ist dasselbe wie bei Trump: Wir fallen darauf rein. 

Wieso eigentlich? 
Das hat eben mit den Gefühlen zu tun. Ich selbst bin ja der Ober-Pawlow’sche Hund. Wenn ich vor dem Fernseher sitze – das ist auch ein Text, der in einer Opernszene meiner Inszenierung gesungen wird – und das dummdreiste Pegida-Gerülpse im Fernsehen sehe, verspüre ich den Impuls, in den Bildschirm zu treten. Die wissen genau, was sie in den liberalen Deutschen auslösen, wenn sie etwa den Holocaust relativieren. 
 
Die „Erklärung der Vielen“, zu der sich am 9. November über 400 Kulturinstitutionen bekannt haben, beinhaltet eine Selbstverpflichtung auf ein Gespräch über rechtspopulistische Strategien – jedoch ohne Rechtspopulisten ein Forum zu geben. Das ist ein angreifbarer Widerspruch. Wenn man allerdings liest, wie ein Götz Kubitschek zur Jagd auf die liberale Gesellschaft bläst, hat ein Gespräch mit ihm beispielsweise natürlich überhaupt keinen Sinn. Wo verorten Sie sich da?
Das ist der Kernwiderspruch der Toleranz. Eine grenzenlose Toleranz kann es nicht geben. Eine Toleranz gegenüber der Intoleranz wäre falsch – das ist eine bewegliche Grenze. Im Stück verwenden wir auch einen Satz von Götz Kubitschek, in dem er ganz klar bekennt: „Uns geht es im politischen Handeln nicht mehr darum, die Gräben zuzuschütten und miteinander zu reden. Nein, die Gräben müssen vertieft werden und der Feind kenntlich gemacht.“ Auf einem Podium wäre dieser Satz also so ziemlich das einzige Thema, das man mit ihm verhandeln könnte, ohne zu seiner Marionette zu werden. Denn in Wahrheit geht es denen nicht um die demokratische Auseinandersetzung, sondern um die Schaffung einer Vorbürgerkriegssituation. Was andere Rechte betrifft, muss man von Person zu Person und von Gesprächskontext zu Gesprächskontext entscheiden. 

Sie selbst schließen also nicht aus, sich mit Rechten auf ein Podium zu setzen?
Nein. Und je genauer und unaggressiver man sprechen kann, desto besser. Die dänische Performancekünstlerin und Schriftstellerin Madame Nielsen hat sich unter dem Vorwand, ein europäisches Theaterprojekt über nationale Identitäten zu machen, mit ganz jungen Freiburger Identitären und mit Marc Jongen getroffen und gefragt, wie sie denn das ständig beschworene eigentümlich Deutsche beschreiben würden. Also: positiv. Es ging natürlich sofort los, was alles schlecht ist, aber Nielsen bestand darauf, dass sie formulieren, was sie wollen und was Deutschland für sie ist. Und da kam bei Jongen erst lange gar nichts und dann ein kompletter Kulturkitsch über den deutschen Wald im Frühnebel und die Tiefe des Gefühls und dass der Deutsche ehrlich sei, aber auch im Geheimnis lebe. Und die jungen Freiburger beschrieben ein Kinderbild vom Landleben im 19. Jahrhundert wie aus einem Kalender. Eine Ökobiedermeierphantasie! Wenn Rechte mal erklären sollen, was sie konkret wollen – dann ist da nichts. Ich habe sehr viel in Kubitscheks Zeitschrift „Sezession“ gelesen, und ich habe die Bücher aus seinem Antaios-Verlag gelesen. Das ist eine Leerstelle. Die Basisprobleme unserer Gesellschaft kommen da nicht vor. Kein einziges. 

Interview: Petra Kohse

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