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Szene aus ?ZeitGeist?.

"EinTanzHaus"

Tierchen in der Trinitatiskirche

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Mannheim hat seit kurzem ein großartiges EinTanzHaus, der Choreograf Éric Trottier nun darin die erste Uraufführung: "ZeitGeist".

Jetzt haben sie in Mannheim nicht mehr nur ein feines Tanzensemble am Nationaltheater, sie haben auch ein neues, außergewöhnliches Domizil für den Off-Tanz: In der 1959 in der Kerninnenstadt erbauten, schon seit 1995 kaum noch genutzten Trinitatiskirche entstand im Laufe eines knappen Jahres das „EinTanzHaus“. Eine Fußbodenheizung wurde installiert, die alten Kirchenbänke in der Zuschauertribüne verbaut, etwa 150 Leute haben in diesen Reihen Platz. Und vielleicht auch ein paar mehr, wenn der Andrang so groß ist wie am Wochenende bei der ersten Premiere im EinTanzHaus, das der seit langem in Mannheim arbeitende Choreograf Éric Trottier und seine künstlerische Mit-Leiterin Daria Holme erkämpften.

Es ist ein sofort für sich einnehmender Raum, der durch seine ernste, hohe Stille, seine sakrale Schlichtheit die Entfaltung eines Tanzstückes allemal befördert. Er soll aber auch ein Ort für Unterricht, Diskussionen, offene Begegnungen werden. Und auch der gelegentliche Gottesdienst soll noch möglich bleiben.

Zwischen den Metallstreben für die Scheinwerfer, über den Köpfen der sieben Tänzerinnen und Tänzer hängt aktuell ein schroffes Teil mit der Anmutung eines irgendwo herausgebrochenen Betonblocks (Bühne: Skafte Kuhn). Die Musik von Steffen Dix und Peter Hinz, die den Raum unaufdringlich füllt, ist flächig, loop-artig, atmosphärisch düster.

Die siebzigminütige Uraufführung, mit der das La_Trottier Dance Collective an seinem nun festen Ort startet, trägt den etwas beliebigen Titel „ZeitGeist“; auch die Choreografie besteht aus zwei Teilen, in denen Trottier mit unterschiedlichen Bewegungssprachen arbeitet.

Einmal erscheint das Ensemble als rat- und rastloses Menschengrüppchen. Eine Tänzerin balanciert zum Beispiel bebend auf Rücken und Schultern zweier Männer. Dann ziehen alle die dekorativ geometrische, in Grautönen und Schwarz gehaltene Oberbekleidung aus (Kostüme: Melanie Riester) – und nun winden und biegen sich hübsch gemusterte Tierchen. Mal assoziiert man eine Giraffe, Gazelle, ein Äffchen vielleicht, ein geschmeidiges Raubtier, mal wegen sich spreizenden, wellenden Fingern sogar eine Seeanemone. Wie eine kleine Menagerie ziehen die sieben Darsteller über die Bühne, dann bauen sie zu dritt, zu viert oder am Ende alle zusammen reizvolle Fantasiefiguren.

Der choreografische Einfallsreichtum ist erheblich. Das Tempo wird auch dramaturgisch raffiniert variiert. Aber dann ziehen am Ende die sieben Akteure die dünnen Bodies aus und springen plötzlich wieder als Menschlein herum, die sich wie am Anfang in emotionalen Ausnahmezuständen befinden. Nur dass sie jetzt eben nackt sind.

„ZeitGeist“, so heißt es im Programm, sei inspiriert von Antoine Leiris’ Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ – der französische Journalist verlor seine Frau bei dem Terroranschlag aufs Bataclan. Umso fremder mutet im Zusammenhang der so ganz anders geartete Mittelteil des Stückes an. Gerade noch hing eine Tänzerin im Metallgerüst und rief um Hilfe, gerade noch stürzten Tänzer wie tot zu Boden, dann paradieren schon aparte, biegsame Wesen. Womöglich ging es Éric Trottier da um die Wandelbarkeit des Lebens.

Es sind also eher zwei Stücke, die man an diesem ersten Premierenabend im neuen EinTanzHaus zu sehen bekommt – das muss nicht unbedingt stören. Das Gebäude wird nun bis Ende des Jahres unter der künstlerischen Leitung von Trottier und Holme „angewärmt“, es wird Tanzgastspiele, Videovorführungen und Konzerte geben, Kindervorstellungen und ein regelmäßiges Fest für ältere Hobbytänzer. Leicht kann man sich vorstellen, dass die Mannheimer das Angebot gern annehmen werden.

EinTanzHaus Mannheim (G4): 10., 11., 17., 18. November. Am 9. November Tanzfest 50+. www.eintanzhaus.de

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