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Thorsten Lensing „Verrückt nach Trost“: Von neun Gehirnen träumen

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Von: Marcus Hladek

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Ursina Lardi und Sebastian Blomberg. Armin Smailovic
Ursina Lardi und Sebastian Blomberg. Armin Smailovic © Armin Smailovic

„Verrückt nach Trost“ von Torsten Lensing im Frankfurter Mousonturm.

Verrückt nach Trost“ ist das erste Theaterstück des freien Regisseurs auf hohem Niveau Thorsten Lensing. Es wurde vom Mousonturm koproduziert und hatte im Sommer bei den Salzburger Festspielen Premiere. Weil es so originell ist, ist die Versuchung umso größer, zunächst das Vertraute daran zu betonen.

Lensings Stück ist zum Beispiel „wie“ Stücke Thornton Wilders, die ähnlich mit Bühnen- und Real-Zeit umgehen, also: die 90. Weihnachtsfeier, die Menschheitsgeschichte anhand einer Familie. Bei Lensing erleben wir die Lebensspanne von 11 bis 88 von Felix (Devid Striesow) und seiner Schwester Charlotte (Ursina Lardi). Rührend kindlich spielen sie ihre toten Eltern nach und holen diese ins Leben zurück. Das erinnert an einen Gedanken Heiner Müllers über den Theater-Keim in Totenbräuchen der alten Römer, die mittels ritueller Leichenzüge ihre Ahnen präsent hielten: ein Schlüssel auch für „Verrückt nach Trost“, wenn es nach einem Essay des Co-Dramaturgen Dan Kolber geht. Wie Lensing reihenweise gespielte Tiere auffährt zum Verständnis und als Folie für den Menschen, hat, drittens, viel von Fabeln und Gleichnissen. Endlich erinnert sein episch-breiter, lebensphilosophischer Ansatz an Filmformate wie Terrence Malicks „Tree of Life“.

Leichtigkeit und Helle

Originell ist sein Stück gewiss, nur sollte man das Tiefengeraune meiden und lieber die anmutig-naive Leichtigkeit und komische Helle betonen, die das Spiel fast dreieinhalb Stunden trägt. Die Architekten und Theaterneulinge Gordian Blumenthal und Ramun Capaul wählten für die Bühne eine wuchtige, bühnenbreite Metallblechrolle von zwei Metern Durchmesser, die von außen und oben bespielt wird und kurz vor Schluss nach vorn rollt, als walze sie die 78 Jahre zuvor aus. Felix und Charlotte sprechen dieses Trumm anfangs als Meer an und baden daran und davor. Sebastian Blomberg gleitet und plumpst als Taucher im Stickstoffschock von der Höhe auf die Vorderbühne, bevor er sich des Scuba-Anzugs entledigt und poetisch-narkotisch die Kinder anquatscht.

Später kommt ein Kletterseil wie aus der Schulturnhalle hinzu und dient als Schaukel, und Lardi mit Hochsprungstab bevölkert Felix’ Traum von einem Mädchen. Statt ihn auszuleben, geht es ihm spiegelbildlich zu Charlotte: nach der Trennung von ihr wird er erwachsen und vereinsamt. Er verliert sein Körperempfinden und sucht sein Ich- oder Vaterbild in der Homosexualität. Charlotte wird im futuristisch kostümierten Altenheim nur beim Pflegeroboter ganz Mensch sein.

Soweit Bühne und Plot. Eine kleine Plastikwanne voller Heu für den Affen, der Lotion aus der Flasche nuckelt (André Jung), wird zum Panzer für die Schildkröte (wieder Blomberg): zwei der vielen Tiere, die der Reflexion über Zeit und Dasein erratisch-nichtmenschliche Zeitlichkeit verleihen. Wichtig auch die Traumszenen. Wenn Lardi sich in der besten Szene als Octopus mit neun Gehirnen träumt, verwinkelt sie hoch droben ihren Körper zum Untersee-Mäander und deutet im geschuppten Tarnzeug (Kostüme: Anette Guther) die Mimikry des Kopffüßers an. Im Dialog mit dem Taucher lässt sie sich über die ungerechte Natur aus, die Octopussen Intelligenz gönnt, aber eine kurze Lebensspanne. Ist Fabelhaftes wieder en vogue? Ähnliches („Schildkröt denkt“) las man kürzlich in einem Debütroman.

Altmodische Kinderkleidung, Bikini, Strandlatschen und Stiefel, Sport- und Alltagskleidung begleiten das skurrile Geschehen, mit Striesows Baby-Darstellung in Trump-würdigen Trotzanfällen als Extrem. Auch die Präsenz eines Unsichtbaren wird suggeriert, mit schmatzenden Körpergeräuschen aus dem Lautsprecher – noch so ein Fortleben der Toten. Wenn Striesow seine Autisten-Register entfaltet oder die Kinder Kuss- und Doktorspiele treiben, wird der Tod als Amputation an den Lebenden spürbar, und man sieht dem schönen Stück in Eigenregie seine Botho-Strauß-Echos nach.

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