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Thomas Köcks „Solastalgia“ in Frankfurt: Sie kommt hervorragend ohne uns aus

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Von: Judith von Sternburg

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Nächtliches Schlusstableau mit Mateja Meded, Miriam Schiweck und Katharina Linder (v.l.). Foto: Robert Schittko
Nächtliches Schlusstableau mit Mateja Meded, Miriam Schiweck und Katharina Linder (v.l.). Foto: Robert Schittko © Robert Schittko

Die letzten Tage der Menschheit: Thomas Köcks „Solastalgia“ in Frankfurt, inszeniert von ihm selbst.

Zum Klimastreik-Freitag trug am Abend auch die Theaterkunst bei, die etwas kann, was im Getümmel schwierig, schier unmöglich ist: Nach Luft zu schnappen vor Wut und trotzdem zu haargenauen Formulierungen zu kommen. Beinhart zu sein und trotzdem zu unterhalten, was den Schrecken aber nicht mindert, im Gegenteil. Anders als bei dem berühmtesten Beispiel für die (unbeabsichtigte) Kumpanei eines politisch brisanten Stoffs mit einem bürgerlichen Theaterpublikum („Die Dreigroschenoper“) bleibt es hier befremdlich.

Es ist auch nicht einfach, diesem Wortschwall im Einzelnen unvorbereitet zu folgen. Hat die eben tatsächlich gesagt, dass wir versuchen könnten, die Natur zu retten, aber dass die Natur niemals versuchen würde, uns zu retten? Und hat sie jetzt gesagt: „Wir ertragen es nicht, dass wir verschwunden sein werden“?

Thomas Köcks „Solastalgia“, von ihm selbst inszeniert, hatte Anfang September beim Kunstfest Weimar seine Uraufführung, jetzt ist die Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt in den Kammerspielen zu sehen. Der Österreicher Köck, 1986 geboren, ist der Autor unter anderem einer vielbeachteten „Klimatrilogie“, an die sein neuer Text in der Sache anschließt. Überhaupt geht es um Dinge, die die Menschen längst wissen können. Die sie längst wissen.

Zwei Stränge wickelt der Text umeinander: Das Waldsterben und einen suizidalen Vater, dem das durchökonomisierte Gesundheitssystem nur begrenzt hilft und dessen Schreinerbetrieb noch dazu untergeht – Zwangsrodungen nach Borkenkäferbefall lassen die Holzpreise in den Keller stürzen. Der Wald und der Vater brennen, und das ist nicht bildlich gesprochen, beide sind danach versehrt und vernarbt, Opfer eines von Köck ohne Vertun angeklagten kapitalistischen Systems.

Die Stimme des Textes, der keine Zeit für Zeichensetzung oder das Bedienen der Großschreibetaste hat, fragt sich, „warum die deutschen überhaupt die ganze zeit vom wald sprechen während er vor ihrer haustür verdorrt“. Von einem Wald zudem, in dem nur „Importbäume“ stehen, die in dieser baumfeindlichen Umgebung noch wachsen können, aufgestellt in Reih und Glied für den „holzvollernter“, ist der Wald doch ein „ökosystemdienstleister“. Das sind Begriffe aus dem echten Leben, und da wird die Stimme des Textes allmählich doch zynisch, also so zynisch wie die Ökonomie und ihre Sprache. Und so freut sich die Stimme darüber, dass Luft noch nicht geerntet und abgefüllt wird, ist die ganze Welt doch letztlich ein „atemwegsdienstleistungsservicespezialproduzent“ (das müsste man an sich gendern, macht Köck aber nicht).

Während der Mensch sich alles nutzbar machen will, entgeht ihm kurzum, dass er zerstört, was er zum Überleben braucht. Er selbst ist ohnehin längst überflüssig oder war es schon immer. „aber wir sind in dieser landschaft völlig unerwünscht wir haben sie geschaffen und sie kommt hervorragend ohne uns aus“.

Für die Bühne bietet dieser Text ohne Rollen und ohne Zuweisungen hundert und keine Umsetzungsmöglichkeit an. Es ist darum erst recht reizvoll zu sehen, was sich der Autor selbst vorgestellt hat: drei Schauspielerinnen und drei Musikerinnen, die ebenfalls zwischendurch mitreden, auf Barbara Ehnes’ von einer halbrunden Kassettenwand eingefasster Bühnenfläche und in knallbunten Kostümen von Agathe MacQueen. Ballettübungszeug kombiniert sie mit Berufskleidung für körperlich arbeitende Menschen. Laia Haro Catalan (Klarinette), María Laura Oliveira (Horn) und Patricia Pinheiro (Oboe) tragen außderdem Pussy-Riot-Gesichtsmasken.

Katharina Linder, Mateja Meded und Miriam Schiweck sprechen im Chor, monologisieren, werfen sich die Worte und Sätze zu. Das geschieht in einem hohen Tempo, intensiv, scharf und total durchrhythmisiert, der stramm organisierten Welt entsprechend, von der der Text berichtet. Wehe der, die da nicht mithält, aber den Schauspielerinnen gelingt es mit Bravour, und wenn sie nicht doch einmal stolpern würden, müssten sie Roboter sein (sind sie glücklicherweise nicht). Andreas Spechtls Musik quäkt, brummt, raunzt und flirrt dazu, angespannt, aber knochenlos.

Da sich für den Wald und den Vater vorerst kein Hoffnungsschimmer zeigt, endet es nach 80 Minuten dunkel. Schiweck schafft sich in einem immensen Königin-der-Nacht-Kostüm aus Plastikmüll noch einmal auf die Bühne. Die Sterne funkeln, falls das Sterne sind. Die Kolleginnen gruppieren sich ums schillernde Mülllager. Langsam geht über dem opernhaften Bild das Licht aus.

Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele: 14., 21. Oktober. www.schauspielfrankfurt.de

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